„Das Warten geht weiter“

Corona Die neuen Bund-Länder-Beschlüsse zu den Pandemie-Beschränkungen treffen bei Vertretern in der Region auf ein geteiltes Echo.

Konsistent“ seien die Corona-Beschlüsse von Bund und Ländern. Sozialbürgermeisterin Daniela Harsch hat sich vor der Konferenz am Mittwoch klare Regeln gewünscht und die hat sie zumindest zum Teil bekommen: „Der Ansatz mit den Inzidenz-Zahlen ist nachvollziehbar. Das passt mit vergangenem Sommer zusammen.“ Demnach sollen die Länder unterschiedliche Lockerungen der Lockdown-Regelungen bei unterschiedlichen Sieben-Tage-Inzidenzen vornehmen können.

Im Sommer 2020 war eine Sieben-Tage-Inzidenz von über 50 im roten Bereich und man befand sich auf dem Weg zum Risikogebiet. Jetzt gelten ähnliche Ansätze: Lockerungen gibt es erst für Inzidenzwerte unter 35. Bevor die Zahlen soweit gedrückt werden können, gibt es nur wenige Änderungen des bestehenden Lockdowns. Die Fallzahlen für Tübingen lesen sich gut, doch landkreisweise zu denken, sei jetzt kritisch, so Harsch: „Da setzt man nur falsche Anreize.“ So würden dann Leute aus Landkreisen mit schlechteren Inzidenzen in die Gebiete mit mehr Freiheiten kommen. Auch für Tübingen sollte es also keine Sonderpläne geben. Harsch setzt stattdessen auf bewährte Methoden: „Umfangreiche Testangebote sind sinnvoll.“ Jetzt heiße es erstmal Abwarten auf die Umsetzung der Beschlüsse auf Landesebene.

Zumindest die Schulen sollen ab Montag, 22. Februar, wieder öffnen – natürlich weiter unter strikten Hygienemaßnahmen. Außerdem muss man nicht mehr der Familie und den Mitbewohnern mit dem Rasierapparat vertrauen: Auch die Friseure dürfen ab dem 1. März wieder öffnen. Pläne für Wirtschaft, Gastronomie, Kultur und Sport bleiben weiter ungewiss. Konkrete Daten für Öffnungen und Lockerungen gibt es nicht. Für Bund und Länder sei es wichtig eine „sichere und gerechte Öffnungsstrategie“ zu finden.

Stephan Braun, Vorsitzender des Handel- und Gewerbevereins Tübingen, hat sich auf diesen „Weg auf Sicht“ eingestellt. Der Handel hatte sich vor den Gesprächen vor allem schnelle Lockerungen gewünscht, geändert habe sich aber nicht viel: „Das Warten geht weiter. Wir werden eben alles, was möglich ist, unternehmen.“ Damit meint Braun nicht nur vorsichtige Öffnungen im Einzelhandel, sobald es die Zahlen zulassen, sondern vor allem die Möglichkeiten des lokalen Handels online.

„Wir werden weiter das digitale Angebot stärken. Es gilt vor allem die Leute dafür zu sensibilisieren“, sagt Braun. Er möchte auf die vielen Möglichkeiten aufmerksam machen, wie der lokale Handel mit Bestellungen im Internet gestärkt werden könne – und eben nicht nur große Versandhandel, die momentan von der Krise profitieren. Trotzdem appelliert Braun auch weiter an die Politik: „Den Händlern geht die Luft schleichend aus.“ Er hofft zum Beispiel auf weitere Mietkostenzuschüsse. Nur eins steht momentan fest: „Wir dürfen nicht die Hände in den Schoß legen.“

Genauso geschäftig geht das LTT und Intendant Thorsten Weckherlin mit der Krise um. Im Hof des Landestheaters entsteht eine Freilichtbühne, auf der ab April wieder gespielt werden soll. Zuversicht sei dabei das Zauberwort, so Weckherlin. Auch Vorführungen im Haus seien zwar kein Problem. Man habe mittlerweile Erfahrung mit Hygienemaßnahmen. Doch sei die Bereitschaft der Kunden, eine Open-Air-Veranstaltung zu besuchen, deutlich höher.

Vor allem ein Punkt der neuen Coronabeschlüsse erfreut den Theaterintendanten: Die Öffnung der Schulen. Wenn Schulen öffnen, könne nämlich auch wieder Theater an junge Menschen vermittelt werden. „Tut etwas für die Kinder“, sagt er nicht ganz ohne Eigeninteresse. Das junge LTT könne nicht nur Schulen besuchen, Klassen könnten auch wieder direkt ins Theater kommen. Diese Möglichkeit ist im ersten Schritt eines dreistufigen Plans für die Kultureinrichtungen verankert. Im letzten Schritt – und das ärgert Weckherlin noch – könne erst wieder tatsächlich Theater gespielt werden, zusammen mit der Öffnung von Gastronomien.

Kaum eine Besserung versprechen die Beschlüsse der Wirtschaft und dem Handwerk. „Der Bund-Länder-Gipfel war für die Wirtschaft eine Enttäuschung“, sagt IHK-Geschäftsführer Wolfgang Epp. Es gebe weiterhin keinen Plan wann und unter welchen Bedingungen geöffnet werden kann. Die IHK Reutlingen hatte sich für einen Stufenplan ausgesprochen, der festlegt, ab welcher Inzidenz und unter welchen Regeln geöffnet werden kann. Außerdem sprach man sich für vermehrte Tests aus.

Auch bei Sonja Madeja von der Handwerkskammer Reutlingen schwindet die Hoffnung: „Es besteht die Angst, dass der Lockdown immer weiter rausgezögert wird.“ Madeja wollte Perspektiven für Ladenöffnungen. Bekommen hat sie ein weiteres Vertrösten auf kommende Gespräche. Nun schaut das Handwerk auf den 3. März. Wieder ein Mittwoch, an dem sich Bund und Länder zusammensetzen wollen für neue Richtlinien.