Einmal pusten bitte: Firmenportrait des Tübinger Start-Ups „JLM Innovation“

Im Tübinger Unternehmen „JLM Innovation“ arbeiten Experten für Sensortechnik. Sie entwickeln eine Atemgasanalyse für Krebsdiagnosen.

Ein Röhrchen zum Reinpusten mit einem elektrischen Gerät am Ende, das kennt jeder aus Alkoholkontrollen im Straßenverkehr oder in Filmen. Bald könnten ähnliche Apparate auch im Krankenhaus oder beim Arzt bei der Krebsvorsorgeuntersuchung gängig sein. Mit moderner Sensortechnik kann die Luft aus den Lungen innerhalb eines Atemstoßes untersucht und für Diagnosen genutzt werden. Krankheiten, auch Krebs, könnten so viel schneller entdeckt werden. Die Tests wären außerdem einfacher und billiger als bisherige Methoden.

An einer solchen Zukunft arbeiten Jan Mitrovics und die Mitarbeiter seiner Firma JLM Innovation. Sie entwickeln Sensorsysteme, um Stoffe in Gas nachzuweisen. Da kann es sich um die Qualität der Luft im Straßenverkehr handeln, um Stoffe, die in der Lebensmittelproduktion entstehen oder nicht entstehen sollen, und eben auch um Stoffe im menschlichen Atem, die auf Krankheiten hindeuten.

In der Medizintechnik heißen solche Stoffe Biomarker. „Die Marker zu finden, das ist der Heilige Gral“, sagt Mitrovics. Denn welcher Bestandteil oder welche Veränderung im Atem auf eine bestimmte Krankheit hindeutet, sei nicht so leicht festzumachen. Jeder Atem ist individuell. Außerdem könne sich die Zusammensetzung der Atemluft auch durch Lebenswandel, das Alter oder Essgewohnheiten ändern. „Wenn jemand viel Knoblauch gegessen hat, ist der Atem ja auch ganz eindeutig anders“, sagt Mitrovics. Nicht immer ist eine Krankheit für Veränderungen verantwortlich.

Deshalb laufen momentan Studien des Projekts Vogas mit Vorsorgepatienten. Die Gesundheit der Patienten wird geprüft und wichtige Werte festgehalten. Dann wird der Atem mit Spektroskopie-Methoden (siehe Infokasten) auf alle Bestandteile untersucht. Mit diesem Wissen versuchen die Forscher dann wichtige Biomarker zu entdecken. Im Falle von Vogas für Magenkrebs. Für die Forschungsarbeit bekommt das Projekt europäische Fördergelder aus dem Horizon 2020 Programm.

Mitrovics ist mit JLM Innovation ein Teil von Vogas. Sein Unternehmen ist für die ganze Ingenieurarbeit um die Sensoren herum zuständig. Der aktuelle Prototyp der Maschine, die in Zukunft Magengeschwüre aufspüren soll, steht im Büro von JLM in der Tübinger Weststadt, im Technologiezentrum Vor dem Kreuzberg 17. Alle nötigen Sensoren passen in eine Schuhkartongroße Box. Selbst die Vorrichtung, um in die Maschine hineinzupusten, ist Hightech: In der Schlauchvorrichtung muss die Temperatur konstant gehalten werden. „Sonst kondensiert der Atem. Das kennt jeder, wenn man gegen eine Scheibe ausatmet“, erklärt Mitrovics.

Schon vor der Arbeit mit Vogas arbeitete Mitrovics an Atemgasanalysen. Das Sniffphone war ein Vorgänger des aktuellen Apparats. Nur etwas größer als ein Smartphone war das Sniffphone leichter und konnte mobil eingesetzt werden. Dafür enthielt es auch nur einen kleinen Teil der Sensoren des Vogas-Prototyps. Die Ergebnisse aus der Arbeit bei JLM und ihren Partnern auf der ganzen Welt sind nicht nur für Krebsdiagnosen nutzbar. „Zu Beginn der Pandemie wurde das Sniffphone schon in Wuhan eingesetzt“, erzählt Mitrovics. JLM war an einem sehr frühen Verfahren für Coronatests involviert. Allerdings konnten nur Symptome getestet werden und keine sichere Erkrankung. Die schnellen Antigentests machten das Sniffphone zumindest für Coronatestungen überflüssig.

Die Spezifität sei auch unabhängig davon das größte Problem der Sensordiagnostik. Einzelne Sensoren identifizieren meistens ganze Stoffgruppen. Um bestimmte Veränderungen in der Atemluft erkennen zu können und dann Aussagen über Krankheiten zu treffen, sei deshalb immer ein ganzes Set an spezifischen Sensoren nötig.

Mittlerweile ist Mitrovics aber Experte in der Konstellation solcher Sensoren mit verschiedensten Techniken. Schon seine Promotion an der Universität Tübingen handelte von sogenannten künstlichen Nasen. Noch während des Studiums machte sich Mitrovics selbstständig in dem Metier. JLM Innovation ist bereits seine zweite Gründung. Mittlerweile habe sein Unternehmen so viel ingenieurtechnisches Know-how, dass sich nicht mehr alle Aufträge nur auf die Sensortechnik beziehen. Auch für die anderen Firmen und Start-ups im Technologiepark habe er in Zusammenarbeit mit anderen schon technische Lösungen gefunden, so Mitrovics.

JLM Innovation I wurde 2004 gegründet. Heute sitzt das Unternehmen im Technologiepark in der Weststadt. Außer Jan Mitrovics sind dort sechs Mitarbeiter beschäftigt. Im Gründungsjahr von JLM beendete Mitrovics auch seine Doktorarbeit an der Universität Tübingen. Der heute 55-Jährige hatte bereits 1996 noch während seines Studiums in Tübingen seine erste Firma Motech gegründet. Auch das erste Unternehmen beschäftigte sich, genauso wie Mitrovics Promotion, mit elektronischen Nasen. Mitrovics hat damit schon über 20 Jahre Erfahrung auf seinem Gebiet.