Aktive Personalsuche, Erleichterung beim Einstieg in die Arbeitswelt oder eine Willkommensagentur? Die Kandidatinnen und Kandidaten der vergangenen OB-Wahl diskutierten über das Thema Integration.
Einwanderer nach Deutschland und nach Tübingen stehen immer vor großen sozialen und bürokratischen Hürden. Auch wenn Einwanderung mit Unsicherheiten und Aufwand verbunden ist, kann der Start doch deutlich erleichtert werden. Wie Integration in Tübingen am besten funktionieren kann, da sind die Kandidatinnen und Kandidaten für die anstehende OB-Wahl unterschiedlicher Auffassung. Am Mittwoch hatte der Integrationsrat Tübingen die Kandidaten in die Mensa in der Uhlandstraße zur Diskussion eingeladen.
Bis auf Sandro Vidotto, der krankheitsbedingt fernblieb, fanden sich alle Kandidaten und Kandidatinnen auf dem Podium ein. Und zumindest in einer Sache waren sie sich einig: Bei der Integration gibt es noch einige Baustellen, die angepackt werden können und müssen. Die Dringlichkeit vermittelten allerdings alle fünf unterschiedlich und setzten verschiedene Schwerpunkte. Boris Palmer beschränkte sich bei vielen Fragen auf eine Schilderung des Ist-Zustands: „Willkommenskultur wird gelebt.“ Der Amtsinhaber erläuterte den gesetzlichen Rahmen und die Hürden aus dem Verwaltungsalltag. Einen Fokus in seiner zukünftigen Integrationsarbeit wolle er auf die Erleichterung des Einstiegs in die Arbeitswelt legen. Eingewanderte sollen im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten so schnell wie möglich arbeiten können. Außerdem sagte der amtierende OB zum Thema Bildung: „Hier liegt der Kern. Hier liegt der Schlüssel des Problems“, und schlug weiterhin die starke Förderung von Gemeinschaftsschulen vor – der Schulform mit dem höchsten Schüleranteil mit Migrationshintergrund.
Sofie Geisel, Kandidatin der SPD, erklärte immer wieder, wie viele Probleme in der Integrationsarbeit möglicherweise mit einer örtlichen Bündelung verbessert werden können. Der zentrale Vorschlag der 50-Jährigen ist eine Willkommensagentur: „Es fängt im Kopf an, dass man sich als Einwanderungsland versteht.“ Hier sollen möglichst viele Prozesse, die Migration und Zuwanderung angehen, vereint behandelt werden können. Dies soll über die Stadtverwaltungsbürokratie hinausgehen und auch Kontakthilfen in die Wirtschaft und auf den Arbeitsmarkt beinhalten. Die Gesellschaft sei auf Fachkräfte angewiesen, und so könnten viele Hürden verkleinert werden.
Auch Ulrike Baumgärtner sieht noch viele Baustellen und möchte „eine neue Willkommenskultur etablieren“. Die Kandidatin der Grünen legt Wert darauf, dass neben dem rein beratenden Integrationsrat auch für interkulturelle Vielfalt an den entscheidungstreffenden Instanzen wie zum Beispiel im Gemeinderat gesorgt wird. Wie ihre Mitbewerber hält auch die 43-Jährige die bürokratischen Hürden für Migranten und nicht Deutschsprachige für hoch. Konkret wünscht sich Baumgärtner eine wöchentliche offene Sprechstunde im Bürgeramt. Die momentane Terminbuchung online sei für viele Menschen schwer.
Der Biologe und Tübinger Bademeister Frank Walz versteht sich als „Kandidat von der Basis“. Durch seinen Job sehe er „jeden Tag Menschen, die noch nicht richtig angekommen sind“. Für die Integration der Bildungsoberschicht sei bereits viel getan worden. Der 48-Jährige will sich hauptsächlich für sozialen Ausgleich in der Integration einsetzen. Zentral sei für ihn dabei die Planung von Unterkünften für Zugewanderte. Es dürfe „kein abgekapselter Wohnraum“ entstehen. Außerdem sollten Sprachbarrieren gebrochen werden und Erleichterung für Menschen, die sich mit deutscher Schriftsprache schwertun, geschaffen werden. Markus Vogt tritt für die Partei „Die Partei“ zum zweiten Mal bei einer Tübinger OB-Wahl an. Er wolle sich für eine andere Denkweise einsetzen, in der Integration und Zuwanderung als Chance und nicht als Aufgabe gesehen werden: „Wir müssen das Integrationskonzept ausbauen und da noch krasser werden.“ Vogt sorgte für Heiterkeit im Publikum mit den Vorschlägen, in der Verwaltung einfach alle Feiertage aller Religionen zu feiern und den Rathauskeller zu einer Fahrradwerkstatt umzubauen, um Migranten zum Radsport zu bringen.
Angelegenheiten unter ein Dach
Der Integrationsrat bemängelte die Terminvergabe und Betreuung im Ausländeramt. Einigkeit herrschte unter den Kandidaten darüber, dass die Betreuung in administrativen Angelegenheiten verbessert werden sollte. OB Palmer verteidigte seine bisherigen Bemühungen, im Ausländeramt für mehr Kapazitäten zu sorgen: Es gebe einfach kein Personal. Das ließ Baumgärtner nicht gelten. Sie schlug eine aktive Personalsuche vor. Außerdem sollen Angestellte Anti-Diskriminierungstrainings bekommen. Geisel plädierte weiter dafür, alle Migrationsangelegenheiten unter ein Dach zu bringen. Uneinig waren sich die Kandidaten über den Ernst der aktuellen Flüchtlingslage. OB Palmer befürchtet, dass es im Winter nötig werden könnte, Turnhallen als Folgeunterbringung zu nutzen. Baumgärtner hält das für eine Übertreibung.