Aus einigen Klavierskizzen Claude Debussys leitete Regisseurin Winni Victor die Oper „La Chute de la Maison Usher“ ab und führte sie am Donnerstag mit der Reutlinger Kammeroper im Sudhaus auf.
Was entsteht aus der Fusion von Edgar Allan Poe und Claude Debussy? Freundschaft, Liebe, Wahnsinn und wandelnde Tote in einer nachdenklichen Grusel-Oper. Das beweist das Werk „La Chute de la Maison Usher“. Eine unausgearbeitete Oper Debussys basierend auf Poes Erzählung über das verwunschene Herrenhaus Usher – „The Fall of the House of Usher“. Inszeniert wurde das Bühnenstück am Donnerstag von der Kammeroper Reutlingen im Sudhaus in Tübingen.
Schwere Luft
Die knapp 40 Zuschauer wurden gleich zu Beginn in die richtige Stimmung versetzt, um das Werk der Künstler aus dem 19. und 20. Jahrhundert erfassen zu können. Und wie sollte das besser gehen als mit den wohl bedeutendsten Werken Poes und Debussys? Auf die Klavierkomposition „Clair de lune“ folgte ein Vortrag des Gedichts „Raven“ in deutscher Übersetzung, jedoch hinterlegt mit dem geflüsterten englischen Original. Danach, schon vor den ersten Tönen der Oper, lag eine schwere Luft über dem Saal. Das Publikum wurde hineingezogen in den „Dunstkreis“ des Hauses Usher, wie David Liske als Freund des Roderick Usher die Atmosphäre des Herrenhauses beschreibt.
In den Wahnsinn
Unterstützt wurde die Wirkung von einem dunklen Bühnenbild aus licht-schluckenden Vorhängen von der Saaldecke in Blau beschienen. In dieses Blau tritt „der Freund“ zu beginn des Werks, eingeladen durch den Brief seines alten Bekannten, Roderick, gespielt von Florian Hartmann. Der Besucher reiste in Sorge um seinen ehemaligen Gefährten an und die Sorge wuchs vor Ort. Eine mysteriöse Krankheit der Lady Madeline (Ulrike Härter), der Schwester des Hausherren, trieb nicht nur die Dame selbst, sondern auch Roderick in den Wahnsinn. Unter den Augen eines ratlosen Arztes (Bag da Sar Khachikyan). Der Wahnsinn im Hause Usher steigerte sich in einer Spirale, die sich auch in der vierhändigen Begleitung am Piano widerspiegelte.
Das Klavierduo aus Shoko Hayashizaki und Michael Hagemann begleitete die Oper. Die zurückhaltende Komposition schlug die meiste Zeit eher leise Töne an. Der Fokus war klar auf das Bühnenspiel gelenkt. Zusammen am Flügel sorgten die beiden Musiker mit zwanzig Fingern trotzdem für eine volle Begleitung. Das Duo steigerte, genau wie die ganze Oper, stetig die Intensität. Bis sich gegen Ende die Ereignisse überschlagen: Der Wahnsinn des Hausherren nimmt Überhand, die totgeglaubte Madeline wandelt wieder durch die Flure des Anwesens, und das Klavierduo drängt sich mit seiner Kunst immer mehr in den Vordergrund.
Jede Menge Arbeit
Als Regisseurin hatte Winni Victor für die Inszenierung jede Menge kreative Arbeit zu leisten. Wegen seiner Krebserkrankung und dem verfrühten Tod arbeitete Debussy die Oper nie aus. Alles, was der Nachwelt, in diesem Fall also dem Reutlinger Ensemble hinterlassen wurde, sind die Klavierskizzen für das Werk. Augenscheinlich waren diese zusammen mit der Originalerzählung Poes jedoch genug Leitfaden, um ein einstündiges Bühnenprogramm auf die Beine zu stellen. Victor bewies ihre lange darstellerische Erfahrung. Mit einem einfachen Bühnenbild – außer den Vorhängen fanden sich nur zwei Leitern und zwei Stühle auf der Bühne – konnte die Handlung adäquat transportiert werden. Und das, obwohl der Gesang der Debussy-Oper natürlich auf Französisch getextet war. Im Spiel der Darsteller lag die Angst und die Verzweiflung, die das Stück erforderte. Schauspiel, das besonders beeindruckte, da es ständig in Verbindung mit professioneller Gesangskunst abgerufen werden musste.