Der Tübinger Technologiepark wird zum Boulevard der Innovationen

Technologiepark Cyber Valley, Biotechnologiezentrum, Max-Planck-Institut und große Technologie- und Medizintechnikfirmen: Im Technologiepark auf der Oberen Viehweide in Tübingen wird geforscht und entwickelt, und es wird weiter an allen Ecken und Enden gebaut.

Martin Rasch (links) ist Projektleiter des Technologieparks, Thorsten
Flink (rechts) Geschäftsführer der Technologieförderung Reutlingen
Tübingen.

Studenten, Forschende und Unternehmer, die auf einem breiten Boulevard ins Gespräch kommen, sich vernetzen, bevor sie wieder in den hochmodernen Laboren und Forschungseinrichtungen in den umgebenden Gebäuden an die Arbeit gehen: Das ist der Plan und Martin Raschs Vision für die Maria-Von-Linden-Straße im Technologiepark bei der Sternwarte. Die Verwirklichung dieser Vorstellung liegt aber noch in ungewisser Ferne. Der städtische Projektleiter Rasch plant die Entwicklung auf der Oberen Viehweide. Momentan drehen sich auf der Straße die Kräne, und hauptsächlich Bauarbeiter und Handwerker sorgen für reges Treiben. Auch wenn im Technologiepark mit dem Cyber Valley und großen innovativen Firmen wie Curevac oder Immatics in den vergangenen zwei Jahrzehnten viel passiert ist, die Reise ist noch lange nicht zu Ende.

Und Rasch plant, in welche grobe Richtung sie gehen könnte. Er macht sich Gedanken darüber, was mit den verbliebenen städtischen Grundstücken in dem Areal passieren kann – wägt Interessen ab und lotet Möglichkeiten aus, damit alle Potenziale des Industrie- und Forschungsparks genutzt werden können.

Mittlerweile haben fast alle Grundstücke eine Bestimmung, sind verkauft oder bebaut. Frei ist noch eine große Fläche auf dem Horemer im Norden, auf der der Campus für künstliche Intelligenz (KI) von Bosch entstehen wird. Im Herzen des Areals, an der Paul-Ehrlich-Straße, laufen mehrere Baustellen parallel, so dass Maschinen und Kräne geschickt aneinander vorbei manövriert werden müssen: Cegat baut an und schafft Raum für 300 Mitarbeiter, es entsteht ein neues Cyber-Valley-Gebäude für KI-Forschung auf Flächen des Landes, das Biotechnologiezentrum bekommt einen Anbau für die Biotechfirma Immatics, und die Technologiepark Tübingen-Reutlingen GmbH (TTR) baut ein neues Gebäude zur Vermietung an Techfirmen. In den An- und Neubauten entstehen viele neue Laborflächen und Reinräume. „Das ist das höchste Gut im Technologiepark“, sagt Thorsten Flink, Geschäftsführer der Technologieförderung Reutlingen Tübingen (TFRT). Gerade im neuen TTR-Gebäude soll es in Zukunft auch wieder Platz und Unterstützung für neue Firmen und Start-ups geben. Mittlerweile sei viel Platz von großen Unternehmen oder der Uni vereinnahmt. Bis alles fertig ist, müsse vor allem an der Kreuzung Paul-Ehrlich- und Maria-Von-Linden-Straße „gutes Kranmanagement“ betrieben werden, sagt Flink.

Richtung Max-Planck-Institut (MPI) steht momentan noch eine Übergangslösung aus Containergebäuden für Immatics und das MPI. Langfristig wird das Grundstück aber frei zum Verkauf oder als Erweiterungsmöglichkeit für das angrenzende Institut. Für ein weiteres Grundstück an der Waldhäuser Straße stehe mittlerweile auch ein Käufer fest. Wer dort baut, werde in den nächsten Wochen öffentlich bekannt, verraten Rasch und Flink.

Die Betondichte werde immer höher auf der Oberen Viehweide. Über 20 Jahre haben sich dort Unternehmen und ihre Innovationen angesammelt. Angefangen habe alles 2001, als die Stadt Landes- und Bundesflächen rund um die Sternwarte erwerben konnte. Auf der freien Fläche baute die TTR als Tochter der L-Bank das Biotechnologiezentrum in Nachbarschaft zum MPI.

Die TFRT half innovativen Firmen wie Curevac und Immatics, sich dort anzusiedeln. Im Süden kamen HB Technologies und die Firma für Zahnpflegeartikel Cumdente dazu. 2014 baute Cegat, und kurz darauf kam das zweite Gebäude der TTR dazu: „Das hat zu einem Teil aber schnell die Uni okkupiert“, erinnert sich Flink. Denn damals kam die Idee für das Cyber-Valley des Landes auf, und es wurde Raum für die KI-Forschung auf der Oberen Viehweide geschaffen. Doch noch war Platz genug: 2015 erwarb die Stadt Flächen der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere (siehe Infokasten). Curevac hat ein Gebäude gebaut, in dem momentan eine Anlage zur Herstellung von Impfstoffen entsteht, und ein weiteres als Firmenzentrale. Nebenan siedelte Ovesco an. Das Unternehmen, das Endoskopiegeräte vertreibt, hat mittlerweile auch schon eine zweite Bauoption im Technologiepark.

Auch das Gebäude des neuesten Nachbarschaftsmitglieds Amazon ist fertig. Dort werden nicht nur KI-Forscher des Unternehmens sitzen und Platz für 100 Mitarbeiter sein, der Neubau beherbergt auch einen großen Versammlungsraum, der von der Öffentlichkeit genutzt werden kann. Nebenan liegt das letzte freie und unverplante städtische Grundstück: „Es ist ganz gut, noch etwas Manövriermasse zu haben“, sagt Rasch und denkt dabei an die zahlreichen Bauprojekte, die momentan in Gang sind.

Die sogenannte Ochsenmauer ist zusammen mit dem alten Pförtnerhäuschen, in dem heute ein Friseur tätig ist, das letzte Überbleibsel der Einrichtung für Virusforschung der Tiere des Bundes. Die Forschungseinrichtung wurde nach der Deutschen Wende von der Oberen Viehweide auf die Insel Rhiem verlegt. Bevor die Flächen anderweitig genutzt werden konnten, mussten sie damals zuerst auf Virus- oder Schadstoffbelastungen geprüft werden. Es wurde unter anderem die Maul- und Klauenseuche erforscht. Heute ist die Ochsenmauer denkmalgeschützt.