Kundgebung in Tübingen: Solidarisch mit Palästina

Rund 200 Menschen zeigten sich am Donnerstag solidarisch mit der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen. Helga Baumgarten sprach auf einer Infoveranstaltung über die Hintergründe des Krieges.

Freiheit für Palästina, Freiheit für Gaza, Freiheit für Menschen.“ Das wurde am Donnerstagabend auf dem Holzmarkt gerufen und gefordert. Bilder von verletzten Kindern und weinenden Angehörigen der zivilen Opfer im Gazastreifen wurden auf den Stufen vor der Stiftskirche aufgestellt. Das Augenmerk der Veranstaltung lag auf dem Leid der Menschen im Nahen Osten und wie es durch Frieden verhindert werden könnte. Rund 200 Menschen versammelten sich für die Kundgebung und zeigten sich solidarisch mit der palästinensischen Bevölkerung. Palästinensische Flaggen wurden im Publikum, aber auch rund um das Mikrofon gezeigt. Die Redner machten auf die zivilen Opfer der Angriffe aus Israel aufmerksam und prangerten Menschen- und Völkerrechtsverletzungen an.

Mit Voranschreiten der Kundgebung wurden immer mehr Kerzen entzündet. Eine zentrale Forderung stand im Mittelpunkt und war auch Fokus der unterschiedlichen Rednerinnen: eine sofortige Waffenruhe und ein Ende der Kriegshandlungen in Palästina und in Israel. Organisiert wurde die Veranstaltung vom Arbeitskreis Palästina der Evangelischen Studierendengemeinde in Tübingen.

An allen Zugängen zu dem Platz vor der Stiftskirche waren Polizeibeamte positioniert. Die Veranstaltung verlief allerdings friedlich. Die Redebeiträge sowie die Rufe aus dem Publikum forderten Frieden, Freiheit und Humanität. Um die Situation im Gazastreifen detaillierter aufschlüsseln zu können, gab es nach der Kundgebung eine Informationsveranstaltung in der Begegnungsstätte Hirsch. Dort sprach die Politikwissenschaftlerin Helga Baumgarten über die Hintergründe des Konflikts.

„Tod und Zerstörung dominieren die Schlagzeilen, dominieren das Leben in und um Gaza“, sagte Baumgarten zu Beginn ihres Vortrags. Diese Berichterstattung, vor allem in deutschen Medien, sei allerdings sehr einseitig und konzentriere sich auf Israel. Den Palästinensern werde „die Humanität genommen“. Das äußere sich nicht nur durch die Israel-orientierte Berichterstattung, sondern auch durch einseitige Unterstützung und das Wegsehen westlicher Politik, wenn es um Leid in Palästina gehe.

Letzteres wiege besonders schwer, denn: „Wir werden nicht sagen können, wir hätten es nicht gewusst“, zitierte Baumgarten den Generalkommissar des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA). 9000 Menschen seien laut Baumgarten seit dem Überfall der Hamas am 7. Oktober im Gazastreifen getötet worden. „Ich sage präzise: ermordet“, ergänzte die Nahostkonflikt-Expertin, denn unter den Toten seien auch etliche Zivilisten und Kinder. Gerechtfertigt werde die Gewalt durch Pauschalisierungen. So werde der komplizierte Konflikt auf Antisemitismus und Terrorismus aus Palästina heruntergebrochen.

Ihre Einschätzungen vertrat Baumgarten vor einem großen Publikum. Die Zahl der Zuhörer überstieg beinahe die Kapazität des Versammlungsraums im ersten Stock der Begegnungsstätte Hirsch. Stühle gab es nicht für alle. Interessierte und Teile der solidarischen Gemeinde mit Palästina drängten sich stehend und auf dem Boden sitzend in dem Raum.

Baumgarten schilderte die Hintergründe des Konflikts in größerem Detail, als es auf der Kundgebung auf dem Holzmarkt möglich war. Die Wissenschaftlerin ist Verfasserin mehrerer Bücher über den Nahen Osten und die Hamas und lehrte über 25 Jahre an der Universität Birzeit im Westjordanland.

„Nach jedem Krieg war ein Wiederaufbau unmöglich“, schilderet Baumgarten die Situation der Palästinenser, die seit Jahrzehnten einen Krieg nach dem anderen erleben. Es fehle Zeit, um durchzuatmen und Lösungen für den Konflikt zu finden. Deshalb sieht die Professorin im Ruhestand die aktuellen Gefechte besonders kritisch und beschreibt die einzige Lösung: „Wir müssen einen Waffenstillstand fordern.“

Aber wie soll das geschehen? Und was kann jeder Einzelne in Europa oder Tübingen tun? Diese Fragen trieben auch das Publikum um. Druck auf die Politik sei laut Baumgarten der wichtigste Weg. Man müsse sich klar und öffentlich äußern, um etwas bewirken zu können. Schon jetzt haben die Proteste in Deutschland etwas bewirkt. Baumgartner beobachte positive Wendungen im Diskurs.

Info Die Entwicklung der Hamas von der Gründung des islamischen Widerstands 1987 bis zu den Vorfällen am 7. Oktober dieses Jahres schildert Helga Baumgarten in mehreren Büchern und Artikeln. Ihr Buch „Hamas: Der politische Islam in Palästina“ kann unter http://www.academia.edu von allen Interessierten heruntergeladen werden.