Leoniden treten in Tübingen auf: „Hau ab, lieber Regen!“

Die Kieler Indie-Rock-Band Leoniden spielte am Montag bei Unwetter im Tübinger Sudhaus-Biergarten. Das Open-Air-Publikum ließ sich von der Nässe nicht weiter stören.

Das ist der verrückteste Konzertbeginn, den wir in bisher 500 Konzerten hatten.“ Leoniden-Frontmann Jakob Amr stand nach dem ersten Song und einem schweren Regenschauer am Montagabend kopfschüttelnd auf der Bühne am Sudhaus. Vor ihm tanzten rund 200 völlig durchnässte Fans. Die meiste Zeit auch mit Abstand. Klappstühle wurden in Paaren als Markierungen vor der Open-Air-Bühne platziert. Gesetzt hatte aber niemand. Das sollte auch für den Rest des Konzertes so bleiben.

Fürs Sitzen gab es nämlich keinen Grund. Die Plätze waren genauso nass wie die tanzende Menge und nur wenig einladend. Von Minute eins bis zur letzten Zugabe bewegten sich die Fans der Indie-Rock-Band im Regen zur Musik. Dabei war bis kurz vor Beginn noch gar nicht sicher, ob die Leoniden aus Kiel am Montagabend überhaupt ihren Auftritt starten konnten.

Vorübergehend im Trockenraum

Unwetterartig – oder anders gesagt: wie aus Kübeln – goss es pünktlich zum geplanten Konzertbeginn. Der Donner gab den Takt vor. Schon auf dem Weg zum Sudhaus waren viele bis auf die Haut durchnässt. Das trug nicht zum Heben der Stimmung bei. Die Motivation ließ weiter nach, als die Band sich erstmal plus Equipment im hohen Saal im Sudhaus in Sicherheit brachte.

Das Publikum folgte. Im Saal wurde es ruhig, und das nutzte Amr: Er setzte sich ans hereingerollte E-Piano und hob einen Arm. Dann reichten wenige Töne, und die Leute tobten.

Schon nach den ersten Worten des neuen Songs „L.O.V.E.“ nahmen die Fans Amr beim gesungenen Wort. Doch schon nach einer Strophe verkündete die Band eine Entscheidung: Wir spielen wieder draußen!

Also zurück in den Regen, der langsam nachließ: Dort gaben jetzt Musiker sowie das Publikum alles. Die restlichen Tropfen, die vom Himmel fielen, schienen nur stärker anzustacheln. Zusammen mit dem Rauch aus der Nebelmaschine machte der Dauerregen die Luft mystisch undurchsichtig. Gleichzeitig blieb es aber warm genug, das niemand fror.

Gänsehaut verursachte nur die Musik. Und das, obwohl die Regenponchos irgendwann nicht mehr standhielten. Nasse Haare sausten durch die Luft und verteilten den Regen auch vertikal über den Coronaabstand hinweg. Brandneue Lieder wie „Dice“ wechseln mit Klassikern vom ersten Album der Band von 2017 wie „Nevermind“.

Die Auswahl bestand aus sehr abwechslungsreichen Stücken. Einmal erklang Technobeats, Djamin Izadi tobte sich am Synthesizer aus. Dann folgten Songs, in die Izadi Cattlebell Solos einbaute, und Neumann bekam Gelegenheit, seine Fähigkeiten am Bass zu demonstrieren. Felix Eicke am Schlagzeug bekam immer wieder an den Bongos Verstärkung von Bandmitgliedern, warf sich mit Amr die Beats über die Köpfe der Fans hinweg hin und her. Der Sänger war für die Nummer kurzerhand mit den Bongos unter dem Arm von der Bühne gesprungen und hatte gegenüber die Steinstufen erklommen.

Lennart, der zweite der Eicke-Brüder, tanzte über die Bühne und bewies, dass er die Lieder auch gut mit seiner Gitarre über dem Kopf spielen konnte. Einige der Bewegungen endeten aber sehr verschlungen im Würgegriff des Gitarrengurts. „Dieser Song wurde geschrieben, um live gespielt zu werden“, kündigte Amr an, und dann spielte die Band das Lied vom Beginn „L.O.V.E.“ endlich auch noch zu Ende.

Während des Konzerts versuchte die Kieler mit dem Regen in persönlichen Dialog zu treten: „Hau ab!“ Doch es half alles nichts. Nach „Sisters“ und dem Programmende war das Wetter längst noch nicht fertig mit dem Sudhaus – anders als die Fans, die begeistert durch die Pfützen nach Hause stapften.