Die Württembergische Philharmonie Reutlingen spielte am Donnerstag ihr Faschingskonzert in der Stadthalle – auf dem närrischen Prüfstand des Theaters Lindenhof.
Das Licht wird gedimmt. Die Spannung steigt. Ein Symphonieabend kann beginnen. Die Türen der seitlichen Bühnenaufgänge öffnen sich. Und auf treten Hippies, Bienen, Fußballfans mit Vokuhila, Rotkäppchen, Einstein, Mozart selbst und viele mehr. In so unterschiedlichen Erscheinungen betraten die Musiker der Württembergischen Philharmonie Reutlingen am Donnerstag die Bühne der Stadthalle. Der Einzige im Sakko: Dirigent Gabriel Venzago. Doch auch er hat nicht vergessen, sich dem Anlass gerecht zu kleiden. Venzago bekam schon Applaus und überraschtes Lachen aus dem Publikum, als er sich nur zu seinem Orchester umdrehte. Auf seinem Rücken prangte ein Schmierzettel mit der Aufschrift „Tritt mich!“. Das Faschingskonzert startete passend mit der bekannten Zirkus-Melodie aus dem „Einzug der Gladiatoren“ von Julius Fuciík.
Um Kopf und Kragen
Und tatsächlich musste sich das verkleidete Orchester an dem Abend – wie Gladiatoren – einem kleinen Kampf stellen. Mit auf der Bühne waren nämlich Berthold Biesinger, alias Ben E. Fitz, und Stefan Hallmayer, als Werni Saasch. Die beiden Schauspieler des Theaters Lindenhof traten als „Botschafter für nachhaltiges Kulturschaffen“ im Auftrag der Landesregierung auf und hatten eine Mission: dem Orchester in Sachen Nachhaltigkeit etwas Nachhilfe zu geben. Das Minuspunkte-Konto der Philharmoniker sei groß und müsse abgebaut werden. Biesinger prangerte die „energetisch rückständige Hochkultur“ an. Die Musiker spielten sich um Kopf und Kragen, um der Auflösung zu entgehen und setzten alle Wünsche der Lindenhof-Narren um. So kam es zu orchestralen Interpretationen von „Biene Maja“ und „Wicki und die starken Männer“.
Als gute Schwaben wissen Hallmayer und Biesinger wo man sparen kann. Nämlich überall. Sogar am Humor. So nutzten sie jede Gelegenheit für Sparwitze: „Warum summen Bienen? Weil sie den Text vergessen haben.“ Auf der Suche nach Sparpotential vermaßen die beiden jeden Winkel der Bühne und der spielenden Musiker. Während des Konzert kamen so jede Menge Ideen zusammen. Die Lindenhof-Schauspieler führten zum Beispiel vor, wie Toiletten-Rohre anstatt teurer Instrumente verwendet werden könnten. Außerdem kamen sie auf das Nachhaltigkeitspotenzial der Panflöte. Bambus sei der perfekte nachwachsende Rohstoff für ein Instrument. So kam auch der Reutlinger Flötist Ulrich Herkenhoff zu seinem Auftritt an dem Abend. Doppelt nachhaltig, denn der lokale Musiker könne ja „mit dem Fahrrad anreisen“, wie Hallmayer stolz feststellte.
Venzago kam, steuerte mit seinem Orchester weitere eigene Ideen bei, sparsam und effizient Musik zu gestalten. Darunter der Geniestreich einfach alle neun Beethoven Symphonien in einem Stück unterzubringen. Zeit und Mühen werden minimiert und wenn das Publikum auch noch Eis dabei genieße, werde sogar das Klima kühler. Gesagt getan: Das Resultat waren heitere fünf Minuten und eine virtuos umgesetzte Mix-Komposition der eingängigsten Beethoven Melodien – kombiniert mit einer wiederkehrenden Eismann-Bimmel, die für regelmäßige Brüche sorgte.
Der Mitmachsingsang
Um zu beweisen, dass ein Dirigent keineswegs überflüssig und einzusparen ist legte Venzago sogar ein stilles Solo hin und demonstrierte seine Macht: Ohne den richtigen Wink mit dem Taktstock gibt es keinen Ton zu hören. Auch sonst war der junge Philharmoniker gefordert. Er dirigierte nämlich in zwei Richtungen. So leitete er bei Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ gleichzeitig sein Orchester und das klatschende Publikum an. Der ausverkaufte Saal stand unter seinem Kommando. Musikalisch gab er die Leitung einzig und allein für „Das hohe Lied vom Spara“ aus der Hand. Der „Mitmachsingsang“ kostete den Dirigenten Überwindung, doch unter Lindenhof-Leitung sang der ganze Saal: „Onterhosa länger traga; Nemme bada koi Problem“, als Ode ans Sparen auf die Melodie von Beethovens neunter Symphonie.
So spielte sich das Orchester über den Abend langsam der grünen Null entgegen, bis Biesinger stolz und schwäbisch verkündete: „Mir send im Plus!“. Erfolg. Das Orchester kann fortbestehen. Das Faschingskonzert der Philharmonie Württemberg war ein grandios unterhaltsamer Abend, bei dem es sich lohnte, nicht nur zuzuhören, sondern genau hinzusehen. Mit einem Augenzwinkern bewiesen die Musiker und die Lindenhof-Schauspieler, dass Nachhaltigkeit selbst in der Kultur möglich ist.
Info Der Saal war ausverkauft. Es saßen also über 1600 Menschen auf dem Parkett und den Emporen. Verkleidung war zwar keine Pflicht aber erwünscht im Publikum. Rund zwei Drittel der Zuhörer in der Reutlinger Stadthalle kam mit Perücken, Clownsnasen und schrillen Kostümen zum Konzert.