Sensi Simon and his Brother: Party-Blasmusik und Percussion-Malträtierung

„Sensi Simon And His Brother“ heizten Freitagnacht im Schlachthaus in Tübingen ein. Es wurden Mikrofone geschluckt und Schlagzeugteile flogen durch die Luft.

Begrüßt den Mann mit dem schönsten Penis der Welt.“ Das war die Ansage, die „Sensi Simon“ Freitagnacht im Schlachthaus von seinem Bruder – allgemein bekannt als „His Brother“ – zugedacht bekam. Tanzen und gemeinsam feiern ist wieder möglich in der aktuellen Pandemiesituation. „Aber nicht tanzen ist auch erlaubt“, machte das Geschwisterduo die rund 70 Gäste im Schlachthaus Freitagnacht mit den Regeln ihrer Kunst vertraut. Der Hinweis vor der Show wurde vom Publikum gekonnt überhört. Spätestens nach den ersten drei Nummern bewegten sich alle im Rhythmus der Musik der beiden Brüder.

In Jogginghose und glitzerndem Pailletten-Top mit Goldketten um den Hals spielten sie ihre Kompositionen wie „Liebe, Liebe, keine Angst“, „Schönes Pferdemädchen“ oder „Fuck you, altes Leben!“ – „Sensi Simon“ mit Gesang und an der Trompete und „His Brother“ am Schlagzeug und verschiedenen Percussion-Instrumenten und mit gesanglicher Unterstützung.

In ein Genre lassen sich die Nummern der beiden schwer einsperren. Von „Balkanrock“ über „Blasmusik mit deutschen Texten“ bis zum selbsterfundenen „Blas-Stepp“ hatten „Sensi Simon And His Brother“ viele Bezeichnungen für ihre Musik. Aber es ging auch weniger um die Definition eines Genres als mehr, oder ausschließlich, um die Stimmung und das feiernde Publikum. Dabei wurden Simon und Tobias Wagner – die bürgerlichen Namen der Brüder – von ihrem Rowdy „Botze“ unterstützt. Das dritte Bandmitglied mischte sich unter die Leute und tanzte und feierte mit. Zwischenzeitlich schnappte er sich das Stroboskop-Licht, machte es zu seinem Instrument und beleuchtete die Musiker und die Bühne händisch von der Tanzfläche aus.

Das „Strobo“ wurde über den Abend noch des Öfteren aktiv und kreativ eingesetzt: Der schuhkartongroße Scheinwerfer diente zum Beispiel als Schlagzeug-Stick und wurde auf das Crash-Becken gedroschen. Auch anderes Equipment und Instrumente – mit Ausnahme der Trompete – erfuhren keine zimperliche Behandlung von „Sensi Simon And His Brother“. „His Brother“ benutzte seine Base Drum zum Beispiel als Podest. Das Fell war auf einer Seite so verstärkt, dass es sein Gewicht und seine Tanzbewegungen aushielt. Schellenkranz und Rasseln flogen nach Benutzung immer mal wieder über oder von der Bühne. Eine stehende Trommel fiel während mehrerer Stücke zu Boden, was aber eher dem wackligen Stand ihres Benutzers als ihrer eigenen Standhaftigkeit geschuldet war.

Selbst sein Mikrofon schonte „His Brother“ nicht. Im stakkato-artigen Strobolicht versenkte er den Kopf des am Kabel baumelnden Mikros komplett in seinem geöffneten Rachen und erfand den Kehlgesang von Grund auf neu. Seiner Percussion-Performance setzte „His Brother“ bei der Nummer „Auch wenn Du den DJ kennst“ die Krone auf. Im Rhythmus schleuderte der Schlagzeuger sein Becken von der Bühne vor die Tanzenden und ließ die Schwerkraft und den Holzboden den Rest verrichten. Der Aufprall erfüllte das Schlachthaus mit lautem Scheppern und die Menge mit Begeisterung. Nur Rowdy „Botze“ hatte zu tun, das Becken wieder auf die Bühne zu heben für den nächsten Schlag. Nach zwei Zugaben und dem letzten Stück „Kontrollieren“, in dem sich die Künstler mit ihrem Verhältnis zu Streifenpolizisten auseinandersetzen, ging die Nacht im Schlachthaus mit „DJ Bad Boogaloo“ weiter voran Richtung Morgen. Nach mehreren gemeinsamen Auftritten habe „Sensi Simon“ mit dem befreundeten DJ schon mehrmals die „Nacht meines Lebens“ gehabt.