Die IHK gründet beim Tübinger Neckarwehr gleich ein Netzwerk, dem sich 20 Unternehmen spontan anschließen.

Schon vor 110 Jahren legte die Stadt Tübingen am Neckar den Grundstein für eine neue Form der Energiegewinnung und Speicherung: Das Neckarwehr wurde damals gebaut und galt als neue Technologie für die Stromerzeugung. „Ohne das Kraftwerk würden wir heute nicht Stocherkahn fahren auf dem Neckar“, erzählte Ortwin Wiebecke von den Stadtwerken Tübingen über das Bauwerk, das auch heute noch grünen Strom produziert.
Am Montagabend trafen sich dort bei den Tübinger Innovationstagen Vordenker für moderne Energieformen zum Thema Wasserstoff. Dabei führte die Industrie- und Handelskammer (IHK) Reutlingen Vertreter von Forschung, industrieller Umsetzung des Wasserstoffs und Verwaltungs-Organisation zusammen. Im Publikum saßen zahlreiche Unternehmer aus der Region, die in ihren Betrieben mit Wasserstoff umgehen.
Diese Menschen möchte die IHK auch über die Innovationstage hinaus vernetzen und gründete deshalb gleich vor Ort das „IHK-Netzwerk Wasserstoff“. Knapp 20 Unternehmer schlossen sich der Vereinigung am Montag spontan an. Es gehe dabei vor allem um Wissensaustausch, um „eine informationsdurchlässige Plattform“, erklärte Moderator Florian Salk von der IHK.
Die Veranstaltung „Wasserstoff, Energieträger der Zukunft“ am Neckarwerk war die erste vor einem Live-Publikum. Zuvor waren die Innovationstage nur online angeboten worden. Rund 45 Zuschauer hörten sich die Vorträge vor Ort an. Jeder Stuhl auf dem kleinen Gelände neben dem Wasserwerk war besetzt. Später mussten die Vorträge wegen der Wasserkraft von oben in die Innenräume verlegt werden, weil für die hinteren Reihen die Referenten hinter einem Regenschirmmeer verschwanden.
Prof. Markus Hölzle stellte die Region zunächst in den Zusammenhang mit anderen deutschen Regionen. Das Vorstandsmitglied des Zentrums für Sonnenenergie und Wasserstoffforschung (ZSW) in Baden-Württemberg benennt die Brennstoffzellenentwicklung als wichtigen Zweig von Tübingen über Stuttgart und die Alb bis nach Ulm. Für Herstellung und Speicherung von Wasserstoff gebe es Spezialisten im Norden der Republik.
Hölzle stellte die Modellregion „Grüner Wasserstoff Mittlere Alb“ vor: Mit dem Programm habe man sich auf europäische Fördermittel beworben, von denen 50 Milliarden Euro nach Deutschland fließen. Die Modellregion will Mobilität sowie einzelne Projekte fördern, zum Beispiel eine große Elektrolyseanlage zur Wasserstoffherstellung in Schwäbisch Gmünd.
Mit der Energielogistik, dem Umgang mit und der Verteilung von Energie aus Wasserstoff beschäftigt sich „H2Orizon“, das Heinz Hagenlocher von der „Avat Automotion GmbH“ vorstellte. Prof. Thorsten Zenner von der Hochschule Reutlingen bestätigte, wie wichtig gerade dieses Management des Stroms und der Energie sei: „Wir müssen unsere Nachfrage steuern.“ Damit soll überschüssiger Strom immer sofort genutzt werden – etwa für die Wasserstoffproduktion. Das werde bei wachsendem Energiebedarf immer wichtiger. Dazu sollen regionale Akteure aus Industrie, Produzenten und Stadtwerken zusammengeführt werden. „Wir wollen Wasserstoff regional vermarkten. Wie zum Beispiel Bioäpfel“, so Zenner.
In Reutlingen werden ähnliche Ideen schon in die Praxis umgesetzt. Mit dem Programm „Hy-Starter“ werde der Landkreis dabei unterstützt, sagte Meike Widdig. Gemeinsam sei man mit Partnern aus Mobilität und Wasserstofferzeugung im Gespräch und sammle konkrete Ideen. Die Bewerbung für Teil zwei der Förderung sei bereits verfasst.
Die Tübinger Innovationstage sollen Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft zusammenbringen. Dazu gehören auch abschließende Diskussionen und Gespräche zwischen Publikum und Referenten.
Die erste Veranstaltung der Innovationstage vor einem Präsenzpublikum führte vor eine historische Kulisse: Das Kraftwerk am Neckar war eines der ersten Wehre mit Wehrwalzenfunktion. Es wurde vor 110 Jahren geplant. Seit 1995 ist es deshalb ein technisches Denkmal und damit geschützt. Mit einer Leistung von 600 Kilowatt versorgt es schon längst nicht mehr ganz Tübingen mit Strom. Trotzdem produziert es weiter umweltfreundlichen Strom mit Wasserkraft.