Autorin Doris Dörrie: „Heldinnen brauchen keine Drachen“

Im Tübinger Sparkassen Carré empfing Bernadette Schoog Regisseurin und Autorin Doris Dörrie. Sie sprachen über neue Projekte und das Faulsein.

Immer auf Zehenspitzen zu sein“ und besondere Wachsamkeit. Das macht das Reisen für Bestsellerautorin und Regisseurin Doris Dörrie aus. In diesem angespannten Zustand gefalle sie sich selbst sehr gut. Neue Orte und Situationen können nur so erfahren werden. Der Weg, der Sie am Donnerstag ins Sparkassen Carré nach Tübingen führte, konnte demnach keine große Reise für sie gewesen sein, denn auf dem weißen Sessel neben Gastgeberin Bernadette Schoog gab sie sich äußerst entspannt und natürlich. Das Publikum brachte sie scheinbar ganz nebenbei immer wieder zum Lachen und Sinnieren über das Nichts-Tun, Kreativität, Heldinnen und die Deutsche Bahn.

Liebe zum Reisen

Dörrie teilte sich die Bühne zum Jubiläum gleich mit zwei Schoogs. Neben Moderatorin Bernadette Schoog begleitete ihre Tochter Florentine Schoog musikalisch durch den Abend. Mit Gitarre und Gesang ermöglichte sie den beiden Gesprächspartnern immer wieder kurze Pausen und Momente sich zu sammeln.

Die Liebe zum Reisen geleitete durch die erste Hälfte des Gesprächs der zwei Frauen. Dörrie wäre heute nicht die gleiche ohne ihre vielen Reisen. Als erste und besonders prägende Erfahrung beschrieb die 68-Jährige ihren Aufenthalt in den USA. Mit 18 Jahren überquerte Dörrie damals den Atlantik und suchte zunächst in Kalifornien und später in New York nach Erfahrung. Die bekam sie und nicht alle waren einfach. In einem Obdachlosenhotel, mehr gab das Budget nicht her, erlebte sie menschliche Abgründe und sogar Mord. Doch Dörrie hatte eine Technik, um damit umzugehen: „Ich schrieb zum Beispiel einfach über die Kakerlaken in der Badewanne. Wenn ich es aufschreibe, ist es nur noch halb so schlimm. Die Beschreibung an sich beschützte mich.“ Die damals junge Autorin nutzte ihre Kunst als doppelten Schutz: Die Verarbeitung des erlebten zum einen, auf der anderen Seite werde man mit einem Schreibblock in der Hand in der Öffentlichkeit aber auch einfach in Ruhe gelassen.

„Männer“ stand am Anfang

Zurück in Deutschland produzierte sie Kinohits wie „Männer“ (1985). Der Film war ein internationaler Erfolg. Dörrie wurde eine der erfolgreichsten ihrer Zunft. Bis heute erschienen 40 weitere.

Eine Sache störte Dörrie damals an ihrer Branche: „Es war traurig zu sehen, dass ich die einzige Frau war.“ Umso schöner sei, dass sich das momentan ändere. In aktuelleren Werken behandelt Dörrie oft die Rollen der Frau in der Gesellschaft – wie in ihrem neuen Film „Freibad“ – oder in Abenteuergeschichten – wie in ihrem neuesten Buch „Die Heldin reist“. In dem Bestseller macht sich die Autorin Gedanken, wie sich Heldengeschichten, verändern können, wenn es Heldinnen werden, die ins Unbekannte ziehen. „Was passiert, wenn da niemand zu Hause sitzt und wartet?“, wie in klassischen Erzählungen von Helden wie Odysseus. „Frauen rüsten sich anders. Wir wollen vielleicht gar nicht dem Drachen begegnen.“

Um in über 40 Jahren im Geschäft nicht die Inspiration zu verlieren, half Dörrie eines besonders: Nichts tun. Beziehungsweise einfach nur zusammensitzen und reden. „Wir müssen uns diese Kulturtechnik beibehalten“, sagt Dörrie. Social-Medie-Plattformen nähmen uns die kleinen Pausen, die gerade so wichtig seien. Sich von diesem Konsum zu lösen sei aber gar nicht so leicht ohne die richtige Technik. Deshalb hat es sich die Künstlerin zur Aufgabe gemacht, Techniken, die bei ihr selbst wirken, glegentlich zu unterrichten. „Ich bringe jeden zum Schreiben. Versprochen“, sagt Dörrie.