Gerhard Polt und die Well-Brüder sprachen und sangen am Dienstag im ausverkauften Sudhaus über den alltäglichen bayrischen Wahnsinn.
Worin liegt der Kern der Gemütlichkeit? Fragt man Gerhard Polt, ist die Antwort eine simple: „Die Verbindung aus Zeit, Geld und Bier.“ Eine Definition – prägnant und einleuchtend –, die Polt auch noch in unterhaltsame Anekdoten zu verpacken weiß. Um Weisheiten wie diese zu vernehmen, strömten die Tübinger am Dienstagabend in den ausverkauften großen Veranstaltungssaal im Sudhaus. Dort ließ Polt seinen Gedanken freien Lauf. Seine Monologe und Sketche teilten sich die Bühne mit den musikalischen Einlagen der Brüder Hans, Karl und Michael Well.
Kampf gegen Grillabende
Ihre satirischen Texte in Mundart begleiteten sie mit Volksmusik aus unzähligen Instrumenten: Neben Gitarre, Akkordeon, Flöte und verschiedenen Blechblasinstrumenten wurden auch Harfe, Drehleier oder Okarina gespielt. Zum Gelächter des Publikums kam auch ein Brummtopf der Marke Eigenbau zum Einsatz: Ein Instrument aus einem Plastikfass, einem Fell und einem Kochlöffel.
Ein charmanter Teil von Polts Humor, war die Kunst in Floskeln zu schwelgen, ohne etwas Konkretes zu sagen: „Wenn einer nix red’ und die andern hörn zu,“ um es in Worten der Wellbrüder auszudrücken. Denn viel reden, ohne etwas zu sagen, das können Menschen gut und so richtete sich das Programm der Kabarettisten gegen diejenigen, die sich selbst zu ernst nehmen: kleinkarierte Nachbarn, Kirchenvertreter, Politiker oder den Skitourismus. Immer mit Heimatbezug: Das Programm lebte von genauen Beobachtungen und Beschreibung von Alltagssituationen aus dem „Biermösel“ bei Fürstenfeldbruck, der Heimat der Wellbrüder oder dem Münchner Bayern, in dem Polt aufwuchs und bis heute lebt.
Diese Beobachtungen brachten Polt auf eine heiße Spur, weit weg vom anthropozentrischen Denken: Der Mensch sei im Grunde nur ein Zwischenwirt. Für Läuse und Flöhe, aber auch für Religionen, Versicherungsmakler und Ideen eben, die ohne den Mensch nicht überleben könnten. Und nicht zuletzt ist der Mensch auch Wirt für den Coronavirus. Gar keine schlechte Sache, so Polt, wenn es doch bedeutet, dass der Lockdown für Ruhe im Dorf sorgt. Enttäuscht von der bayerischen Regierung, wenn es um das Unterbinden der Grillabende in der Nachbarschaft geht, kam der Mundart-Kabarettist jedoch in Sachen Pandemie zum beleidigten Schluss: „Ich denunziere hier niemanden mehr!“
Tübinger Lokal-Interna
Das Programm war genauso selbstironisch bayrisch, wie zeitgemäß. Der Kabarett-Abend verarbeitete nicht nur die Corona-Jahre und den Weg aus der Pandemie, sondern auch den Krieg in der Ukraine und seine Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeit hierzulande. In einem Predigt-Vorschlag für ihren neuen pakistanischen Pfarrer forderten die Wellbrüder beispielsweise eine wundersame Umwandlung von „Oettinger zu Flüssiggas. Lob sei dir Markus“, und priesen den bayrischen Ministerpräsidenten.
Am Ende bekam auch die Stadt Tübingen als Gastgeber zusammen mit dem wiedergewählten OB Boris Palmer, der im Publikum saß, ihr Fett weg. Vor allem der Straßenverkehr und die vielen Baustellen wurden zum Ziel satirischer Attacken. Auch die Zuhörerschaft selbst wurde noch mal zurechtgewiesen, als zum wiederholten Mal gläsernes Klirren durch die Reihen ging: „Aber eure leeren Flaschen habt ihr nicht im Griff.“
Nachdem nochmal ausgeteilt wurde, griffen die Wellbrüder zu ihren Alphörnern und bliesen versöhnlich ihre bayerischen, meterlangen Blasinstrumente zum Abschied für die Schwaben im Sudhaus.