Umbenennung problematischer Straßennamen: Nicht jede Stadt hat Leute für ein Komitee

Über Straßenumbenennungen diskutierte Annette Widmann-Mauz mit Kommissionsmitgliedern und dem Ex-Rektor der Tübinger Universität.

Straßennamen spiegeln lokale Kulturgeschichte und Gesellschaft wider. Persönlichkeiten, nach denen Straßen in einer Gemeinde benannt werden und wurden, sind deshalb mit einer großen Ehre bedacht. Doch Kultur und Gesellschaft verändern sich unweigerlich mit der Zeit genauso wie die Auswahl ehrwürdiger Personen, und so wird die Diskussion über Straßennamen vielerorts und immer wieder geführt.

So auch am vergangenen Montag in der Begegnungsstätte Hirsch in Tübingen. Die CDU Tübingen veranstaltete eine Podiumsdiskussion mit Prof. Bernd Grewe und Regina Keyler, beide Mitglieder der Kommission, die sich mit Namensgebern Tübinger Straßen auseinandersetzte, sowie der CDU-Bundestagsabgeordneten Anette Widmann-Mauz und dem ehemaligen Rektor der Universität Tübingen Prof. Bernd Engler, der während seiner Amtszeit mit der Debatte der Umbenennung der Uni konfrontiert war.

Alle waren sich einig: Die wissenschaftliche Aufarbeitung der historischen Personen hinter den Straßennamen der Stadt ist wertvoll. Viele Fakten blieben sonst vergessen. Mit Bezug auf die Diskussion um die Uni und Graf Eberhard erzählte Engler: „Ich war baff, was damals alles herauskam.“ Und verteidigte das aktuelle Vorgehen mit den Straßennamen. Es sei „wichtig, solche Entscheidungen fundiert zu treffen.“

Widmann-Mauz spannte den Bogen über Tübingen hinaus mit der Frage: „Das Thema wird auch auf kleinere Städte zukommen. Wie helfen wir der Kommunalpolitik?“ Denn klar sei, dass nicht jede Stadt ein Komitee aus Historikern zur Verfügung zusammenstellen könne. Außerdem bringe die Umbenennung von Straßen neben der ethischen Bewertung noch weitere Probleme wie Ummeldungen mit sich. „Das bedeutet mehr Arbeit, als das Briefpapier zu ändern.“

Grewe und Keyler sprachen über Uneinigkeiten bei der finalen Bewertung einiger Straßennamen und erläuterten die Entscheidungsfindung in Einzelfällen. Grewes persönlich klarster Fall für Umbenennung war die Niethammerstraße: „Da gab es keine Ambivalenz.“ Bei Eduard Spranger sei er hingegen überstimmt worden.

Der erste Anstoß der öffentlichen Diskussion in Tübingen war ein Antrag der „Fraktion – Partei, DiB, Huhn“ 2021 im Tübinger Gemeinderat. Die Partei forderte die Prüfung dreier Straßennamen. Die Stadtverwaltung reagierte umfangreich: Eine Kommission wurde einberufen, die nicht nur die drei Namensgeber, sondern alle potenziell problematischen Straßen Tübingens in Augenschein nehmen sollte. Nach einer Phase der Voruntersuchungen ergab sich eine Liste mit 18 Straßennamen, deren Träger in Tat oder Wort ein antisemitisches, frauenfeindliches, kolonialistisches oder anderweitig unseren modernen Werten widersprechendes Gedankengut vertraten.

Die Kommission arbeitete sich durch die Liste. Und das „dreidimensional“, erklärt Keyler: Zunächst wurde geprüft, welche ethischen Kriterien in der Biografie der Namensgeber problematisch sind, und ob diese im Zusammenhang mit der Ehrung durch eine Straßenbenennung stehen. Dann wurde die Schwere der Verfehlung ermittelt. Liegen beispielsweise belegte nationalsozialistische Aussagen vor, oder auch Beweise für konkrete Taten? In einer dritten Stufe wurde dann eine Einordnung in die entsprechende Zeit und ein Gegenwartsbezug hergestellt. Einem frühneuzeitlichen Herrscher könne ja „kein fehlendes Demokratieverständnis vorgeworfen werden“, schildert Grewe.

Nun steht das Gutachten der Kommission fest: Sechs Straßen können umbenannt werden. Neun weitere sollen ihren Namen zwar behalten, jedoch mit Markierungen und einer Kommentierung versehen werden. Das Gutachten sei, so Grewe, natürlich nur eine Empfehlung. Nun müsse der Gemeinderat entscheiden und dürfe sich nicht hinter der Kommission verstecken. Keyler bekräftigte: „Ich hoffe, der Gemeinderat schaut sich die Unterlagen auch nochmal an.“ Und gab die Verantwortung an die Mandatsträger weiter.

Mit sogenannten „Knoten“ sollen Straßenschilder versehen werden, wenn die Straßen zwar ihren Namen behalten dürfen, aber einer Kommentierung bedürfen. Der Name ist dabei treffend: In die Pfähle der Straßenmarkierung ist ein Knoten eingearbeitet. Das ist bereits jetzt an einigen Straßenrändern in Tübingen zu sehen. Unter dem Knoten gibt es Informationen zum Straßennamen.