Holzbauten gegen den Treibhauseffekt

Architektur Klimaforscher Joachim Schellnhuber über nachhaltiges Bauen und die Klimakrise.

„Unsere gebaute Umwelt ist weder nachhaltig, sozial, noch ästhetisch“, fasst Klimaforscher Dr. Joachim Schellnhuber das Problem zu Beginn seines Vortrags knapp zusammen. Am Donnerstagabend stand er in der Westspitze vor einem Publikum aus Leuten, die genau daran etwas ändern wollen. Die Veranstaltung der Stadt Tübingen zusammen mit der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg und dem Tübinger Ingenieursbüro Ebök richtete sich an Bauunternehmer, private Häuslebauer und alle, die am nachhaltigen Bauen interessiert sind.

Nachhaltiges Bauen, damit ist vor allem Bauen mit Holz gemeint. Schellnhuber füllte die ganze erste Hälfte der Veranstaltung mit seinem Vortrag und nutzte die Zeit, um zu verdeutlichen, weshalb der nachwachsende Rohstoff so geeignet sei und das Bauen mit Holz helfe, unsere Atmosphäre zu reinigen.

Schellnhuber beschäftigt sich mit dem Klima, seitdem es zum öffentlich bekannten Problem wurde. „Er hat sich schon früh als Mahner ausgezeichnet“, beschreibt es Bastian Kaiser von der Hochschule Rottenburg, Moderator des Abends. Der international bekannte Forscher etablierte zentrale Begriffe wie die Kippelemente der Klimaerwärmung und hat auch das 2-Grad-Celsius-Ziel erstmals mit ausgerufen. 2023 sei bisher „ein Potpourri des Grauens“, bilanziert das Mitglied des Weltklimarats (IPCC): Brände auf der ganzen Welt und auch in Europa, neue Rekorde bei den Meerwassertemperaturen, Unzählige Opfer von Wetterkatastrophen. Um einen Zusammenbruch abzuwenden, sei es wichtig, jetzt zu handeln: „Wenn Sie am Abgrund stehen, ist der nächste Schritt entscheidend,“ so Schellnhuber. An diesem Abgrund stehe die Menschheit, doch der Schritt weg von der Abbruchkante sei noch möglich.

Und dabei spiele die Bauindustrie eine riesige Rolle. Das Bauen und Abreißen unserer Städte verursache 40 Prozent unserer Treibhausemissionen. Das gelte es umzukehren. Und zwar mit der organischen Architektur, in deren Mittelpunkt die „Wald-Bau-Pumpe“ steht. Eine Erfindung Schellnhubers und sein „Angebot an die Politik.“ Die Idee ist in Grundzügen simpel: Pflanzen ziehen Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre. Unsere aktuell erhöhten Werte in der Luft „düngen“ die Wälder sogar. Das Treibhausgas wird in der Biomasse gespeichert. Wird Holz zum Heizen verwendet und verbrannt, ist das zumindest klimaneutral. Wird das Holz verbaut und langfristig in Gebäuden gebunden, hat es einen „klimapositiven“ Effekt. Kohlenstoffdioxid wird aus der Atmosphäre entfernt – als Nebeneffekt zum Bauen. Essenziell ist die Nutzungsdauer. Holzgebäude müssen für Jahrhunderte gebaut werden, damit das Holz seine CO2-speichernde Kraft entfalten kann. Doch das sei kein Problem. Auch heute finden sich viele Jahrhunderte alte Fachwerkhäuser.

Als Konsequenz aus all dem fordert Schellnhuber einerseits bestehende Ökosysteme, als Kohlenstoffspeicher zu schützen und andererseits ungenutzte Flächen aufzuforsten und das Holz langfristig zu nutzen. „Wir müssen nur den Keim legen“, sagt der Forscher, die Natur übernehme den Rest.

Laut dem Klima-Experten sei es kaum möglich, das 1,5- oder 2-Grad-Ziel noch einzuhalten. Doch die richtigen Maßnahmen könnten „die Exkursion in eine verbotene Zone [über die 2 Grad] so kurz wie möglich halten.“ Dann könnten viele Kippelemente noch aufgehalten werden. Der Faktor Zeit ist hier allein entscheidend.

Deshalb arbeiten auch Unternehmer in der Region an Möglichkeiten, Vorgaben der Klimaschutzforschung umzusetzen. Im zweiten Teil der Veranstaltung präsentierten Tübinger Bauunternehmer Möglichkeiten, lokal mit Holz zu bauen. Darunter die Wohnbaugesellschaft GWG und Matthias Laidig vom mitveranstaltenden Ingenieurbüro Ebök. Außerdem stellte Ludger Dederich von der Hochschule für Forstwirtschaft aktuelle Projekte vor. Die Vorträge machten Mut nach den dunklen Aussichten aus der Klimaforschung. Jedoch wurden auch Schwierigkeiten in der Branche betont. Das Bauen mit Holz sei technisch kein Problem. Es sei nur immer noch teurer als konventionelle Projekte. Bewährte Methoden seien nur schwer zu ersetzen. So wollte die GWG das Holz aus einem Abriss recyceln. Das Trennen der Balken vom restlichen Bauschutt bringe allerdings immense Mehrkosten mit sich. Auch könne Holz als Rohstoff nicht alle Zwecke erfüllen. Das Team von Ebök stand beispielsweise vor der Herausforderung, eine Bank mit sicherem Tresorraum in ein Holzhaus zu integrieren. Das konnte ohne Untergeschoss und Beton nicht umgesetzt werden.

Doch die Geschäftsführer beider Unternehmen, GWG und Ebök, sind bereit umzudenken und Lösungen für Probleme zu finden. So wird auch regional eine Wende im Bauen und Wohnen vorangetrieben.