Experimentalmusik in Tübingen: Was Milchschäumer und Stimmgabeln hergeben

Zurücklehnen im Liegestuhl und wirken lassen: Wie die Reihe Map&Fold im Freistil experimentelle Musik präsentiert.

Keine Bühne, keine Beleuchtung, keine Rampensäue. Wer die Abwechslung eines gewöhnliches Konzert erwartet, ist am Dienstagabend falsch im Freistil. Der Fokus liegt auf anderen Reizen – auf ungewöhnlichen und unerwarteten Klängen, auf dem Zufall und der Improvisation, und auf dem Zusammenspiel aus Licht und Ton. „Map&Fold“ organisiert hier jeden ersten Dienstag im Monat eine solche Show. Diese Woche waren die Künstler Timo Dufner mit seinem Laptop, Thomas Laos und „Geargrind“ jeweils mit E-Gitarren dabei.

Nach einer kurzen Vorstellung braucht es für den Tübinger Medienkünstler und Computerwissenschaftler Timo Dufner keine langen einleitenden Worte. „Ich fang dann einfach mal an.“ Unaufgeregt klappt er seinen Laptop auf, und der Raum füllt sich mit Klängen – mal rhythmisch mit klarem Beat, mal sphärisch stimmungsvoll ohne erkennbaren Takt. Alles im Moment erzeugt. Ruhig steht Dufner hinter dem Bildschirm, nippt ab und zu an seinem Wasserglas und lenkt die Musik in unterschiedliche Richtungen. Von außen betrachtet genauso unaufgeregt, als würde er zuhause am Laptop auf dem Sofa Mails checken. Das Publikum scheint nicht zu existieren. Beziehungsweise: Nicht Dufner steht im Vordergrund, sondern das Gesamterzeugnis seiner Kunst im Ambiente des Saals.

Ein paar LED-Scheinwerfer beleuchten indirekt den Raum. Auf der Stirnwand des Veranstaltungsraumes im Freistil erscheint eine flackernde Projektion. Sie fängt den Blick. Zu Beginn fliegen bunte Striche über die Wand, mit viel Fantasie ein Vogel. Aus dem Vogel werden geometrische Formen, psychedelische Kreise, verzerrte Häuserfronten oder Sturmwolken. Die Projektionen wecken über den Abend viele Assoziationen. Ein klarer Wechsel zwischen einzelnen ist allerdings nie auszumachen. Davor wirken und spielen die Musiker unbeleuchtet und versteckt in einer großen Ansammlung von Technik, Reglern, Pedalen, Kabeln und Instrumenten. Mal alleine, mal zu zweit, mal zu dritt.

Der Musiker „Geargrind“ steigt nach Dufner mit ein. Er tritt vor die Menge – zwei unterschiedliche Socken, den Kopf nach vorne geschoben –, greift zur Gitarre und setzt sich auf den Boden. Doch virtuose Gitarrenkunst bleibt aus: Zwischen Pedalen und Reglern spielt er immer wieder einzelne Töne oder Saiten an und dreht dann eifrig an Knöpfen oder legt Schalter um. Die Grenzen der Technik werden ausgetestet.

Noch weiter treibt es Thomas Maos. Seine Technik auszureizen reicht ihm noch nicht. Er hat allerlei analoge Hilfsmittel dabei. Mit Stimmgabeln bringt er seine Saiten zum Schwingen, mit einem Milchschäumer, mit einem rotierenden „Fidget Spinner“. Seine Gitarre knattert mal wie ein Moped, zwitschert wie Vögel oder pfeift wie eine Kreissäge. Mit einem Bottle Neck experimentiert er lange. Immer begleitet von der computergesteuerten Projektion, die sich jeder Wendung in der Musik anpasst. Auch im Zuschauerraum sieht es nicht aus wie bei einem gewöhnlichen Konzert. Etwa 30 Leute sitzen in Liegestühlen. Die Zuhörer unterschiedlichen Alters folgen gespannt und aufmerksam den kleinen und langsamen Veränderungen der Rhythmen der drei Musiker.

Der weitgefasste Begriff der Experimentalmusik wird am Dienstag gut ausgeschöpft. Maos und „Geargrind“ experimentieren mit ihren Instrumenten und der Effekt-Technik. So wird die Musik fast schon zu einem kindlich neugierigen Ausprobieren und Austesten der Grenzen. Dufners computergenerierte Klänge folgen – ähnlich wie die Projektion – Algorithmen und Zufallsgesetzen. Nicht jede Wendung in der Musik hat einen klaren Ausgang – und das verleiht den experimentellen Charakter.