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Für eine neue Vielfalt am und im Neckar: Renaturierung in Tübingen

Am Neckar zwischen der Wehranlage in Tübingen und Kirchentellinsfurt wird gebaut. Hier werden Hochwasserschutz, Renaturierung und Naherholungsanlagen gemeinsam umgesetzt.

Wer drei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann, der spart sich Arbeit. Genau das passiert gerade am Neckarufer entlang der Gartenstraße. Stadt und Regierungspräsidium verbinden dort Hochwasserschutz, das Anlegen eines Parks zur Naherholung und die ökologische Belebung oder Revitalisierung des Neckars in einem Projekt. „Hier ist eine der wenigen Stellen, wo das noch möglich ist“, sagt Dietmar Klopfer vom Regierungspräsidium, denn unterhalb der Wehranlage gebe es noch genug Strömung für die Revitalisierung.

Wer in den letzten Monaten am Baustellenzaun neben dem Neckar entlang geschlendert ist, dem sind wohl schon einige Veränderungen aufgefallen: Erdhügel, neue Inseln und Baumfällarbeiten. Alles wirkt noch ziemlich unwirtlich, doch auf den Matschhügeln sitzen schon wieder Enten, Nilgänse, Kormorane und andere Bewohner. Am vergangenen Freitag luden die Planer und Koordinatoren des Großprojekts direkt auf die Baustelle ein. Rund 35 Bürger fanden sich für die Besichtigung ein und hörten, wie der Stand der Arbeiten ist und wie sich die Revitalisierung mit den Zielen des Hochwasserschutzes und der Parkplanung vereinbaren lässt.

Neue für alte Bäume

Der Hochwasserschutz ist in zwei Teile gegliedert. Das Gewerbegebiet im „Unteren Wert“ schützt eine Betonmauer auf der Böschung. Diese steht bereits. Sie ist mehrfach unterteilt und ermöglicht den Zugang zum Neckarufer von der Bismarckstraße aus. Die Mauer, die das Wohngebiet an der Gartenstraße flussab der Stuttgarterstraße-Brücke schützen soll, befindet sich momentan im Bau. Bauarbeiten hier müssen mit der Planung einer Fernwärmeleitung über den Neckar abgestimmt werden. Eine kleine Lücke lässt die Mauer auf Höhe der Bootshäuser des Rudervereins und der Universität. Hier bleibt der Zugang für die Sportler bestehen. Dafür wird das Ufer an dieser Stelle um einen Meter angehoben.

Bis April 2024 soll der Hochwasserschutz abgeschlossen sein. Genauso wie die Revitalisierung. Um angemessene Habitate für Flora und Fauna zu schaffen, musste zunächst viel zerstört werden. Auch zahlreiche Bäume wurden gefällt, doch das sei „ein notwendiges Übel“, erklärt Klopfer. Viele neue Bäume würden gepflanzt. Andere wurden nur umgepflanzt. Einige der gefällten Riesen wurden direkt in die Renaturierung miteinbezogen: am Ufer und im Flussbett als Verstecke für Tiere, aber auch als Sitzgelegenheiten für die Stadtbevölkerung, die später hier ihre Freizeit verbringen können soll.

Fische im Fokus

Die Revitalisierung wurde ökologisch und in ihrer Umsetzung mitgeplant und präsentiert von Thomas Kusche vom Planungsbüro Geitz und Partner und Sebastian Krieg vom Regierungspräsidium. Zunächst wurde abgetragen: bisher rund 4000 Quadratmeter Pflaster an der Uferböschung. Es wurden 40 000 Kubikmeter Erde ausgehoben. Das sind 40 Mehrfamilienhäuser. 10 000 Kubikmeter werden auf der Baustelle benötigt. Der Rest wurde weggefahren. Das sorgte für regen Lkw-Verkehr. Rund 8000 Transporte gab es zu und von der Baustelle. Kusche stellt diese Zahlen vor und stellt fest: „Es wurde alles wiederverwendet.“ Entweder auf der Baustelle oder in anderen Projekten.

Die Erdumwälzungen werden sich lohnen, verspricht Kusche. Was früher das linke Ufer unterhalb der Tennisplätze war, bildet heute mehrere Inseln. Der Neckar schlängelt sich nun durch das Terrain. In seinem Lauf sind tote Bäume verankert, tiefe Kolke wurden angelegt, Kehrwässer entstanden, angespülte Kiesbänke und strömungsbefreite Bereiche. Alles, was heimische strömungsliebende Fische in den verschiedenen Stadien ihres Lebens eben brauchen.

Fische standen im Fokus bei der Planung der Revitalisierung, erklärte Krieg. Genauer: Äsche, Barbe und Nase. „Fische sind sehr anspruchsvolle Tiere“, so Krieg. Wenn sie sich wohl fühlen, seien die Bedingungen auch für andere Flussbewohner in Ordnung. Die Wasserqualität sei im Neckar erstmal kein Problem für die Fische. Allerdings seien die hohen Temperaturen der vergangenen Jahre problematisch. Dafür sind nun tiefe Mulden ins Flussbett eingelassen als kühle Rückzugsorte im Sommer.

2024 wird ein Park angelegt

An der noch unbewachsenen Böschung liegen Kokosmatten, die neue Bepflanzungen schützen sollen. Ein Hauch von grün schimmert bereits hindurch. Am Ufer stehen dann Weiden, Hasel, Rotdorn, Erlen und mehr und werden dichtes Gestrüpp bilden. Die Natur dürfe sich das Areal zurückerobern. Doch das Gewässer soll nutzbar bleiben. Das wird im letzten Teil des Bauprojekts umgesetzt. Ab April 2024 wird linksufrig der Park angelegt. Unbewachsene Kiesbänke ermöglichen den Zugang zum Wasser. Ein Spazierweg wird sich direkt am Ufer entlang schlängeln. Für Kinder bleiben Weidentunnel oder Baumstämme zum Balancieren. Auf feste Strukturen, also auch auf einen echten Spielplatz, wird aber verzichtet. Es entsteht ein kleiner Wald, und Obstbäume werden gepflanzt.

2025 soll der hochwassergeschützte Naturpark dann fertig sein. Obwohl dieses Jahr schon zwei Hochwässer über die Baustelle zogen, läuft bisher auch noch alles mehr oder weniger nach Plan. Bis dahin haben sich hoffentlich schon wieder mehr Arten am Tübinger Neckar angesiedelt.

Die Artenvielfalt ging zurück in den vergangenen Jahren. Naturliebhaber Udo Dubnitzki vom Landesfischereiverband macht dafür steigende Temperaturen verantwortlich. Er war involviert in die Planung der Revitalisierung am Neckar. Er kennt den Fluss und seine Arten gut und gibt am Fluss auch pädagogische Angebote. „Wir haben hier im oberen Bereich bestes Groppenhabitat.“ Die Spezies von kleinen Fischen, die in starker Strömung leben, sei fast verschwunden. So auch eine seltene Eintagsfliegenart, die es vor einigen Jahren zuhauf gegeben habe. Mit den Insekten gehen auch die Insektenfresser wie die Schwalben verloren. Doch Dubnitzki ist zuversichtlich, dass sich das wieder ändert.