Literatur bekommt Flügel: Schauspieler August Diehl las in der Stadthalle Reutlingen ausgewählte Texte

Im Musikalisch Literarischen Salon las August Diehl Texte verschiedener Autoren. Er Wurde dabei von Christoph Grund am Flügel musikalisch unterstützt.

“Die Geschichte ist kaum erwähnenswert.“ Das ist der paradoxe Neugier erweckende Beginn von Peter Bichsels Text „Als wir noch fliegen konnten“. In der Kurzgeschichte geht es um Ohnmachtsbekenntnisse und Kindheitserinnerungen. Dieser erste Satz kann aber nicht den vergangenen Donnerstagabend mit dem Musikalisch Literarischen Salon in der Stadthalle Reutlingen beschreiben. Der Abend entpuppte sich als sehr erzählenswert.

Zu Gast war August Diehl. Der Schauspieler aus Berlin verlas neben Bichsel Texte von Bertolt Brecht, Marcel Proust und weiteren Schriftstellern. Im Wechsel mit Diehl begeisterte Christoph Grund am Flügel auf der Bühne im Kleinen Saal der Stadthalle. Die Texte und klassischen Klavierstücke ergaben ein Gesamtwerk in zwei Teilen. Die Auswahl der Kunstwerke trafen Ute Kleeberg und Uwe Stoffel.

Zugegeben, Bichsels Geschichte bildete eigentlich den Schluss der Veranstaltung. Damit ist hier trotzdem noch nicht zu viel vorweggenommen, denn auch der erste Text des Abends handelte von Kindheitserinnerungen. Von kleinen Sinneseindrücken, die lang vergangene Situationen wieder wach rufen: Andrezej Stasiuks „Suceava. Erinnerung“. Diese ersten Zeilen wurden eingerahmt von zwei Stücken Rudolf Frimls aus der „Suite Mignonne op. 35“. Wobei Grund den Tasten im Anschluss an den Text deutlich melancholischere Töne entlockte.

In Harmonie zwischen Musik und Text ging es so fort. In Cees Nootebooms „Begegnung“ beschrieb Diehl in den Worten des Schriftstellers das erschreckende Gefühl, wenn man in einem völlig Fremden auf einmal sich selbst wie ein Spiegelbild sieht. Nicht in der äußeren Erscheinung, sondern einem nicht fassbaren Wesen: Wenn nicht mir, „wem bin ich dann begegnet?“, fragte die Geschichte. Während Grund in Robert Schuhmanns „Arabesque“ das Thema musikalisch aufgriff, lauschte der Sprecher, Diehl. Die beiden Künstler nutzten ihre Pausen, um sich vom jeweils anderen in den Bann ziehen zu lassen. Grund bearbeitete die Tasten mit viel Gefühl. Diehl sprach langsam, bedächtig und äußerst artikuliert. Nach jeweils einigen Augenblicken, die sein Blick auf die Texte auf seinem Pult gerichtet war, erhob er den Kopf und fixierte wahlweise durchdringend eine Person im Saal, schweifte mit den Augen über das Publikum oder rollte sie emotional in den Höhlen. Das Vorlesen erhob er zur Kunstform. Die Grenzen zum Schauspiel waren fließend.

Mit Claude Debussy entließ Grund das Publikum in die Pause, nur um die Zuhörer in Teil zwei mit einer virtuosen Improvisation zurück zu empfangen. Mit vollem Körpereinsatz lehnte sich der Pianist ins Innenleben seines Flügels und strich die Saiten des Instruments direkt an oder spielte sie mit metallischen Hilfsmitteln. Dadurch erzeugte er mehr eine sphärische Stimmung als eine klassische Komposition, leitete aber perfekt in die nächste, etwas utopische und groteske, Geschichte über. In „Ein Mensch, den man nicht vergisst“ erzählt Autor Stefan Zweig wie Menschlichkeit und Gegenseitigkeit für ein erfüllenderes Miteinander sorgen könnten. Dafür skizziert er den fiktiven Stadtbekannten Anton, der nur von Gefallen lebt. Besser von dem, mit dem sein Umfeld versucht seine Gefallen auszugleichen. „Tausend unsichtbare Kredite“ erzeugen so in der Geschichte ein theoretisches Wirtschaftssystem, in dem alle zufrieden miteinander und sich selbst sind.

Die Geschichte provoziert die ersten Lacher im Publikum. Das zieht sich durch den zweiten Teil: Die Zuhörer werden vergnügter, als Diehl in Bertolt Brechts „Das Paket des lieben Gottes“ von einem ganz besonderen Weihnachtsfest liest. Es machte den Anschein, als habe sich Diehl auf Brechts Geschichte gefreut: Seine Gesten wurden ausladender und die Stimme variabler. Den Charakteren verleiht Diehl eigene Tonlagen. Nach einer Klavierüberleitung mit einem Stück von Bach schloss sich der Abend mit Bichsels Philosophien über die Kindheit. Philip Glas „Metamorphosis 2“ viel aus dem Rahmen der anderen klassischen Stücke, doch rundete das Gehörte für das Publikum ab und half, sich zu erinnern, an eine Zeit, „Als wir noch fliegen konnten.“