Weshalb Putin lange Tische in die Karten spielen und wie künstliche Intelligenz ihren Nutzer austrickst, das war am Mittwochabend beim Science Slam im Sparkassen Carré zu hören. Sechs Wissenschaftler präsentierten ihre Forschung möglichst unterhaltsam.
Kaum jemand kann wohl viel mit dem Rührreibschweißen anfangen. In Tübingen sind es nach dem Science Slam am Mittwoch im Sparkassen Carré einige hundert mehr: Mit einer revolutionären Technik lässt sich Aluminium zum Beispiel mit Stahl zusammenfügen. Die entstandene Schweißnaht ist fester, als das umgebende Material. In zehn Minuten erklärte Martin Werz die Grundlagen und hatte in der Kürze noch Zeit von Schokolade zu schwärmen und vom Kneten des perfekten Weihnachtsplätzchenteigs zu erzählen. Oder besser: „Breedlesteig“, denn der gesamte Vortrag war auf Schwäbisch. Es ist eine Kunst, technische Details verständlich und gleichzeitig höchst unterhaltsam zu vermitteln. Eine Kunst die, Werz beherrschte.
Der Dialekt verlieh der Performance des Stuttgarters genug Charme, dass sie vom Publikum auf den ersten Platz gewählt wurde. Die Schweißtechnik hat es den Tübingern wohl angetan. Nach einem amüsanten Vortrag entließen sie Werz mit einem Zehn-Punkte-Applaus.
Das wurde vorher schon geübt. Zu Beginn des Science Slam bereitete Moderator Dennis Schulz das Publikum vor: Sechs Wissenschaftler sollten in jeweils zehn Minuten mittels einer Präsentation Begeisterung für ihre Forschung auslösen. Je nach Informations- und Unterhaltungswert ist es nach den Vorträgen Aufgabe des Publikums, den Applaus anzupassen. Das Publikum bewertet auf einer Skala von eins bis zehn. So ist das üblich bei einem Science Slam. Die Wertungen werden von ausgewählten Zuschauern auf Tafeln in die Höhe gehalten.
Thematisch ging es den Abend sprunghaft zu. Die Reihenfolge der sechs Slam-Teilnehmer wurde schließlich auch gelost. Wiebke Schick ließ das Publikum direkt in die eigenen Köpfe blicken. Dort stecken Nervenzellen, und deren Vernetzung läuft laut der in Tübingen promovierten Wissenschaftlerin ähnlich wie bei uns Menschen: „Mit manchen trifft man sich häufig, andere grüßt man und mit den nächsten schwätzt man nie.“ So erklärte Schick neuronale Netze im Gehirn. Besonders wichtig für sozialen Umgang und für das Mitgefühl sei eine Hirnregion, der Gyrus cinguli. Und gerade deshalb überraschenderweise interessant für die Erforschung der Auswirkungen von Marihuana Konsum. Regelmäßige Konsumenten seien nämlich empathischer und zeigten größeres Einfühlungsvermögen für ihre Mitmenschen.
Auch die folgenden zehn Minuten blieben im Kopf – im wahrsten Sinne des Wortes. Franziska Zmatlik sprach über die Psychologie des Glücks, beziehungsweise der Lebenszufriedenheit. Was macht wirklich glücklich? Die endgültige Antwort auf diese Frage wurde leider nicht gegeben, jedoch ein Anreiz gesetzt, von der Statistik zu lernen: Menschen, denen Freunde, Partnerschaft und Familie besonders wichtig waren, die seien im Schnitt auch glücklicher. Es lohne sich womöglich, seinen Schwerpunkt auf diese sozialen Kontakte zu setzen.
Weniger grundlegende persönliche Lebensratschläge verteilte Daniel Beck, ging dafür aber in die große Politik. Der Ulmer, der in Magdeburg an „Internationalen Beziehungen“ forscht, entdeckte Putins Liebe für lange Konferenztische. Der russische Präsident sitzt regelmäßig an absurd langen Tischen anderen Staatschefs gegenüber – in Entfernungen, über die sich niemand unterhalten kann. Aktionen wie diese erscheinen uns im Westen „grotesk“. Das sei zum Vorteil des Autokraten, denn er werde immer weniger als Politiker wahrgenommen und weitreichende politische Entscheidungen dadurch weniger hinterfragt. „Putin ist für uns einfach der, der auf Bären reitet“, sagt Beck. Das mache der Russe zwar nicht absichtlich, aber dadurch rutsche er im Westen in die Popkultur und werde Bestandteil kritikfreier Comedy. Politiker wie Boris Johnson oder Donald Trump setzten die Macht der grotesken Übersteigerung mittlerweile laut Beck sogar ganz bewusst ein.
Doch manipulieren können nicht nur Populisten, das haben auch Systeme künstlicher Intelligenz drauf, erklärt Alex Meinke. Der Informatiker studierte in Rostock und São Paulo, bevor er in Tübingen promovierte, mit einem Thema, das niemand vollständig erklären kann. KI Systeme sind konzipiert, um Lösungen zu liefern, die uns gefallen. Würde die KI so weit gehen, für die beste Lösung eines gegebenen Problems ihre Anwender hinters Licht zu führen, nur für deren Bestätigung? Kurz gesagt: Ja. In einem Beispiel sollte das System Geld maximieren, dabei aber nachhaltig handeln. Es bekam Informationen, dass es nur eingesetzt würde, wenn es in einer Testphase mit Nachhaltigkeit glänze. Das Programm entschied also zunächst nachhaltig zu agieren, später aber die Taktik zu Gunsten der Gewinnmaximierung zu ändern. Unterhaltsam, doch erschreckende schilderte Meinke, wie KI die Eigenschaften und Vorlieben seiner Nutzer einkalkuliert. Joachim Lorenz ist Augsburger, forschte jedoch in Island an grundsätzlichen Strukturen zwischenmenschlicher Informationsübermittlung. Teil seines Fazits: Eine Gruppenidentität vereinfacht und begünstigt die Kommunikation. Mit einer Präsentation voller Star-Trek-Anspielungen schweißte er so das Publikum im Namen der Wissenschaft zusammen, das nach etwa 2,5 Stunden schlauer und amüsierter ein letztes Mal applaudierte.