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Marketing an der Riff-Waschanlage: Wie winzige Putzerfische ihre Dienste tropischem Klientel anbieten

In einem einmaligen Mutualismus fressen karibische Grundeln Parasiten von der Haut größerer Fische. Um ihre Dienste anzubieten und zu kommunizieren, nutzen sie komplizierte Farbsignale. Die Marketingstrategie muss jeweils auf den Kunden abgestimmt werden.

Eine Putzergrundel der Art Elacatinus lobeli sucht einen Zackenbarsch nach Parasiten ab. Die Putzergrundel ist blau schwarz gestreift und sitzt auf der Rückflosse ihres Kunden.
Foto: Patrick Vetter

Körperpflege ohne Hände hört sich ziemlich kompliziert an. Vor dieser Herausforderung stehen Fische aber jeden Tag. Kleine parasitische Krebstiere lauern überall an tropischen Riffen und verbeißen sich in der Haut oder in den Kiemen ihrer Opfer. Um sie loszuwerden, gibt es nur wenige Möglichkeiten: Im Sand wälzen und schubbern ist eine sehr einfallslose. Besser funktioniert es, einander zu helfen.

Die meisten Fische an karibischen Riffen haben Hygiene deshalb ausgelagert an eine Experten-Spezies. Auf festgelegten Putzerstationen sitzen kleine Grundeln. Ihr Spezialgebiet ist es, die Parasiten zu fressen, die ihre größeren Kunden plagen. Eine Win-Win-Situation, denn die Kunden werden von ihren Parasiten befreit und die Putzer bekommen eine kostenlose Mahlzeit. Ein Mutualismus aus dem Bilderbuch. Viele dieser Putzerarten sind nämlich auf ihre Tätigkeit angewiesen und haben keine Möglichkeit sich anders zu ernähren.

Sie sind keine fünf Zentimeter groß und können nicht besonders gut schwimmen. Außerdem sind Putzer auffällig gefärbt und sitzen offen auf einer Koralle herum. Nur ihre hilfreiche Sonderrolle hilft Ihnen, nicht selbst als Snack zu enden. Die meisten Putzer warten den ganzen Tag auf Kundschaft und die trudelt nach und nach von selbst ein. Damit das funktioniert, nutzten die Grundeln farbenfrohe Werbestrategien. Kontrastreiche schwarze und leuchtend blaue Streifen ziehen sich von der Schnauze bis zur Schwanzflosse. Viele Arten kombinieren dieses Gewand mit gelben Farbnuancen. Es wird alles versucht, um die Aufmerksamkeit der Kunden zu ergattern.

Die Farbsignale scheinen universell zu funktionieren. Karibische Grundeln setzen auf dieselbe Kombination wie Lippfische aus dem Indopazifik mit demselben Job und derselben ökologischen Nische, auf den Riffen dort. Die Schwierigkeit besteht nun im fein abgestimmten Zielgruppen orientierten Marketing. Denn geputzt werden will jeder. Von Ammenhai bis Riffbarsch. Von Jäger bis Beute. Die Biodiversität an den Putzerstationen ist hoch. Jede einzelne Art ist ökologisch an ihre Nische angepasst und nicht darauf spezialisiert, die Blautöne der Putzergrundeln zu erkennen. Einige Arten haben besonders gute Augen und können Farben gut unterscheiden. Für andere ist die Welt nicht so bunt. Sie sind ständig auf der Suche nach möglichen Verstecken und legen mehr Wert auf die Struktur ihrer Umwelt.

Satte Farben zu erhalten, ist energieintensiv. Ein Putzer muss viel investieren für starke Blautöne. Stark gefärbte Fische sind deshalb auch die aktiveren. Ein Kunde, der diese Unterschiede wahr nimmt, könnte sich also für den stärker gefärbten Putzer entscheiden. Für ausgewählte Arten ist das auch so. Das geht aus meiner Masterarbeit an der Universität Tübingen hervor.

Mehrere Putzergrundel säubern gemeinsam mit einem jungen Schweinslippfisch einen Drückerfisch am Riff in Honduras. Foto: Patrick Vetter

Putzer, die sich allerdings nicht genau diesen Kundenstamm sichern wollen, müssen auch nicht in satte Farben, also kostenintensive Werbung, investieren: Die Unterschiede in der Artenzusammensetzung der Kunden verschiedener Stationen ist hoch. Einzelne Putzerstationen werden von unterschiedlichen Kunden dominiert. Die Präferenzen der einzelnen Arten sind dabei unklar und auch schwer in Feldstudien herauszufinden.

Farbenfrohe Korallenriffe sind tatsächlich Perspektivsache: Hier ist zweimal das selbe standardisierte Foto abgebildet. Einmal durch das menschliche Auge (links) und einmal wie es ein Drückerfisch sehen würde (rechts).

Nur genaues Beobachten bringt weitere Marketingstrategien ans Tageslicht. Darunter könnte die Auswahl der richtigen Station fallen. Wie tief und wie ausgesetzt liegt die Station? Wie sieht die Korallendiversität um die Station aus? Außerdem gibt es individuelle Unterschiede im Putzverhalten der Grundeln. Einige positionieren sich offener auf ihrer Koralle, andere sind zögerlicher. Einzelne Putzer nehmen sich mehr Zeit pro Interaktion, andere setzen auf viele Kunden in Massenabfertigung. Dieser essentielle Mutualismus birgt also noch viele offene interessante ökologische Fragen. Die tropischen Riff-Waschanlagen und die zwischenartlichen Verflechtungen in ihrer Kommunikation werden uns noch lange Rätsel aufgeben.

Patrick Vetter studierte „Evolution und Ökologie“ an der Universität Tübingen. Für seine Masterarbeit beobachtete er das Verhalten winziger Fische auf einem Korallenriff in Honduras. Er untersuchte die fein abgestimmten Farbsignale, mit denen Putzerfische ihre Kunden anlocken. Dafür sammelte er etliche Tauchstunden und steckte die Nase in die Angelegenheiten der Riffbewohner.