Wie werden wir in Zukunft mit Ressourcen umgehen müssen und wie viel Wachstum ist in Zeiten der Klimakrise möglich? Diese Fragen diskutierten Taz-Redakteurin Ulrike Herrmann und Oberbürgermeister Boris Palmer im Kino Museum.

Zwei Dinge sind Konsens: Klimaschutz ist nötig. Und er ist teuer. Aber wie teuer? Wie stark müssen wir unseren Energieverbrauch reduzieren? Birgt die Energiewende eventuell auch wirtschaftliche Wachstumschancen? An diesen Fragen scheiden sich die Geister. Stellvertretend saßen sich am Dienstagabend Ulrike Herrmann, Redakteurin der Taz und Wirtschaftskorrespondentin, und Oberbürgermeister Boris Palmer im Kino Museum gegenüber. Herrmann brachte notwendige Rationierung und staatliche Planung ins Streitgespräch ein. Palmer setzte ihr seine Vorstellungen einer Energiewende innerhalb unseres auf Wachstum ausgelegten Wirtschaftssystems entgegen. Zwei konträre Narrative. Dazwischen vermittelte Moderator Romeo Edel, glättete Wogen und verteilte Redezeit.
Organisiert wurde die Veranstaltung von der Alternativen und Grünen Liste Tübingen. Die Ankündigung der Begegnung füllte den großen Saal im Kino bis über den letzten Platz hinaus. Menschen lehnten an den Säulen oder nahmen auf dem Boden Platz. Doch der mutmaßlich erwartete Zank blieb aus: Klar, einige Grundannahmen waren unumstößlich, doch der Klimaschutz und die damit verbundenen gemeinsamen Ziele einten die Gesprächspartner aber immer wieder.
Im ersten Teil des Abends machten Herrman und Palmer zunächst ihre Standpunkte klar, und erklärten, was ihrer Ansicht nach zu einer erfolgreichen Klimaneutralität gehöre. Beide kritisierten unseren bisherigen gesellschaftlichen und politischen Umgang mit der Klimakrise. Laut Herman gebe es allerdings kein echtes ‚Grünes Wachstum‘, denn ein zentrales Problem stehe im Weg: Für eine Energiewende mit einem Wachstum wie bisher können die nötigen Strommengen weder erneuerbar produziert noch gespeichert werden. Ersatztreibstoffe wie Wasserstoff werden nie günstiger, als ihre fossilen Alternativen. Solange die Weltwirtschaft ausschließlich auf Wachstum fokussiert sei, werde jede Effizienzsteigerung in einem höheren Ressourcenverbrauch resultieren. Das sei der Rebound-Effekt. Effizientere Heizungen führten nicht zu geringeren Heizkosten, sondern zu mehr Wohnfläche pro Person. „Alle Effizienz wird für das Wachstum aufgebraucht.“
Gerade an diese klammern sich laut Herrmann allerdings Verfechter von Technologie- und Fortschrittslösungen. Palmer argumentiert mit besseren Wirkungsgraden bei der Wärmepumpe und Elektromobilität: „Wir werden die Ineffizienz los“, ist der Bürgermeister überzeugt. Er nutzt dabei die auf kommunaler Ebene funktionierenden Projekte aus Tübingen als Argumentationshilfe. Auf Bundesebene rechnet Palmer vor: Mit einem Viertel des heute produzierten Stroms, könne der elektrische Individualverkehr komplett abgedeckt werden. „Man darf sich nicht die Rosinen rauspicken“, erwidert Herrman und hält Stahl- und andere Schwerindustrie dagegen.
Im Gedankenexperiment erklärte Palmer, „der Rebound-Effekt setzt nur ein, wenn der Preis sinkt.“ Und das müsse verhindert werden. Das erkennt Herrmann zufrieden an: „Das nennt man schrumpfen. Du bist eigentlich doch ein kleiner Revolutionär.“ Davor habe die Wirtschaft aber große Angst. Und hier beginnt Herrmanns starke Kapitalismuskritik: Alles beruhe darauf, Kredite aufzunehmen, um zu investieren und am Ende Gewinne zu machen. „Die Definition stammt von Marx, ist aber trotzdem richtig“, scherzt Herrmann. Das Problem sei nun, ohne Wachstum fällt alles sofort in sich zusammen, denn die Kredite sind ja bereits aufgenommen.
Doch was ist dann die Lösung? Diese Frage beschäftigte das Podium im zweiten Teil. Die ehemalige Geschichtswissenschaftlerin Herrmann blickt in die Vergangenheit. Gerade in der britischen Kriegswirtschaft erkenne sie Strukturen, die heute helfen könnten. Damals wurde stark rationiert und damit ohne Enteignungen die Zivilwirtschaft drastisch geschrumpft, um die Militärproduktion anzukurbeln. „Der Militärteil ist für uns jetzt uninteressant. Aber das Schrumpfen nicht“, sagt die Journalistin. Das sei der „einzige Weg, um auch die Reichen an einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu beteiligen.“ Denn der Klimawandel sei auch Klassenfrage und ein Problem der Reichen. Aus ihrer Sicht sei dieses Maß an Rationierung und staatlicher Planung unausweichlich. Und außerdem heute schon Instrument der deutschen Wasserversorgung.
„Wir haben Parkplätze rationiert und dann doch Parkhäuser gebaut“, erinnert sich Palmer. Der Druck und Wiederwillen aus der Bevölkerung sei riesig gewesen. Deshalb sei er skeptisch, wie umsetzbar Herrmanns Vorschläge seien. Zum Beispiel beim Wohnraum: Wer solle den Umzug der Menschen umsetzen „und beim Möbelrücken helfen?“
Dass Klimaneutralitätsziele mit der momentanen Herangehensweise schwer einhaltbar sind, da sind sich die Diskussionspartner einig: „Ich glaube nicht, dass wir 2050 klimaneutral sind“, gibt Palmer zu. Jedoch unterscheiden sich die Schlüsse aus dieser Einsicht auch zum Ende des Gesprächs noch deutlich. Hermann sieht die Lösung in einem gesellschaftlichen Wandel und einer Umkrempelung des Systems. Palmer bleibt seiner realpolitischen Rolle treu: „Dafür gibt es keine Mehrheiten.“ Zu einer Lösung gehöre auch immer die politische Machbarkeit, sonst sei ein Vorschlag lediglich „intellektuell anregend.“ Deshalb Herrmann: „Ich versuche auch nicht Politiker zu überzeugen, sondern Menschen.“