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Improvisationstheater: Und wie es weitergeht, verrät nur der lauteste Applaus

Im neuen Format „Superscene“ thematisierte der Theatersport Tübingen toxische Männlichkeit, Ehedramen, Starbiografien, Piratenabenteuer und mehr – in unter zwei Stunden.

Fünf Handlungsstränge, fünf Schauspieler, fünf Regisseure. Doch was auf der Bühne geschehen würde, davon hatte trotzdem niemand einen blassen Schimmer am vergangenen Mittwoch in der Werkstatt des Landestheaters. Bis es eben letztendlich geschah. In der Spontanität der Darsteller steckte die Überraschung des Publikums. Und überraschte Zuschauer lachen laut. Im Falle der Premiere von „Super Scene“ des Theatersports Tübingen hielt die Heiterkeit über zwei Stunden am Stück. Das neue Format schien die 136 Menschen auf den Rängen gleichermaßen wie die Künstler zu begeistern.

Theatersport Routiniers erwarteten womöglich zwei Teams mit Darstellern im farbigen Sportdress, die in gewohnten Disziplinen gegeneinander und für den Applaus des Publikums antreten. Diese Erwartung wurde nicht erfüllt. Alle Hoffnungen auf Improvisationstheater der Königsklasse jedoch übertroffen. Übertriebene Gestik und Mimik, abrupte Handlungs- und Szenenwechsel, spontan gedichtete Songs und hektisches Treiben auf der Bühne ließen beim Zusehen kaum aufatmen. Schwer vorzustellen, wo die Darsteller des Theatersports die nötige Puste hernehmen. Von ihnen standen fünf auf der Bühne. Abwechselnd führten sie in einer eigenen und vom Publikum durch Zurufe mitbestimmten Szene Regie. Musikalisch begleitet von Klaus Hügl am Klavier. In Runde eins wurden also fünf Handlungsstränge angespielt. Die Szene mit dem leisesten Applaus flog raus. So ging es durch den Abend, bis zuletzt nur die „Super Scene“ bis zu Ende gespielt und auch allein ihre Handlung aufgelöst wurde.

So ging es nach Runde eins der Szene von Samuel Zehendner an den Kragen. Als Gestaltwandler ließ er Kollege Tobias Rockenfeld als Fledermaus über die Bühne flattern und entfaltete in den ersten fünf Minuten schon eine verzwickte Liebesgeschichte. Doch schließlich musste das Publikum eine Entscheidung fällen. Diese verwehrte den Ausgang der Szene zu erleben und das weckte eine unbefriedigte Neugier. Zehender war immerhin weiter in den Szenen seiner Kontrahenten zu sehen. In Runde zwei wurden die vier weiteren Handlungen fortgesponnen.

So stellte sich in Rockenfelds Szene die Frage: Was tun, als erfolgreicher Pirat nach einem Beutezug? Wie macht man die stibitzte Ware zu Geld? Das führte zwei Piraten auf einer einsamen Insel auf den Weg zu einer Zauberin. Unterwegs begegneten sie einem philosophischen Angsthasen von Schiffbrüchigem. Die Szene lebte von Verkleidung und Dialog.

Musikalischer ging es in der Geschichte des Bluessängers Lutz, gespielt von Zehender, aus Baltmannsweiler zu. Miriam Woggon dirigierte ihre vier Kollegen durch die Biografie des Stars. Aus dem Schwabenland bis in den Madison Square Garden, durch Drogenprobleme, Freundschaftsdramen, eine ungewollte Schwangerschaft und alle Tücken der Musikindustrie. Der windige Manager John Schmierkopf, gespielt von Jakob Nacken, bietet Lutz zu viel, um sein Angebot abzulehnen: Erfolg, Geld, aber vor allem die Möglichkeit einen Traum zu leben, denn „Ich gehe nicht zu Daimler“, weiß Lutz bestimmt. Doch auf der Welle der Popularität reitet der Schwabe ins Verderben in einem Drama voller Dialekt.

Ein bisschen von allem – Aktualität, Gesellschaftskritik, Liebe und modernes Theater oder zumindest seine Parodie – tischte Felixa Dollinger in ihrer Szene auf. Das Thema auf Publikumswunsch: Toxische Männlichkeit. Evchen, gespielt von Woggon, wurde dabei ein aufs andere Mal von den Männern enttäuscht. Zehender, Rockenfeld und Nacken legten sich mit sympathisch gespielter Ekelhaftigkeit ins Zeug. Im Speeddating rotieren Machos, Finanzpraler, Muttersöhnchen und Faulenzer an Evchen vorbei und bringen sie zur Verzweiflung. Wie spielt man nacktes Räkeln im Schlamm? Dollinger ließ es ihre Kollegen demonstrieren und gleichzeitig urkomisch ihre Männlichkeit und Fixierung aufs Äußere auf die Spitze treiben. Bis dann schließlich, ja endlich, Johannes auftaucht, gespielt von Zehender. Johannes will reden und nichts von Brüsten wissen. Er trägt Rock und macht die Wäsche und Evchen gewinnt den Glauben an die Menschen zurück. Doch bis zum finalen Happy End kommt es nicht, denn selbst Dollingers Stück wird von Zehenders Szene ausgestochen, die in der letzten Runde als einzige „Super Scene“ zu Ende geführt wurde.

Sogar mit alternativen Enden. Das Publikum entschied sich für das große Beziehungsdrama, das sich zwischen zwei Pärchen aus vier charakterstarken Menschen im Urlaub in einer Finka auf Mallorca abspielte. Eifersucht, ein Seitensprung, eine Flasche Bratensoße und eine verhängnisvolle Paella führten unter der Regie von Nacken zum Dreifachmord auf der spanischen Insel. Oder eben vielleicht auch zu einem horizonterweiternden Urlaub und einer gefestigten Pärchenfreundschaft. Wie es sich nun zutrug, das blieb, wie so vieles, offen an diesem Improvisationsabend und wird hoffentlich nie aufgeklärt.