Seit 2000 wurden im Harz 24 Luchse wiederangesiedelt. Heute existiert dort eine wachsende Population mit neuen Jungtieren in jeder Saison. Der Umgang mit der Raubkatze erfordert jedoch die Zusammenarbeit von verschiedenen Interessensgruppen. Weshalb das im Harz funktioniert, erklärt der wissenschaftliche Leiter des Luchsprojekts im Nationalpark Harz Ole Anders.
Herr Anders, wieso brauchen wir den Luchs in Deutschland?
Ole Anders: Gegenfrage: Wozu brauchen wir den Kölner Dom? Die Raubtiere sind nun mal da. Sie sind Teil unseres Naturerbes. Deshalb haben wir die Verpflichtung, sie soweit möglich zu erhalten. Das gilt für unsere gesamte Biodiversität und damit auch für einige unbequeme Arten. Dem Luchs sehen wir momentan in Europa bei seinem zweiten Aussterben zu. Wir haben die Verantwortung, das zu verhindern.
Unbequeme Arten? Was meinen Sie damit?
Als unbequem bezeichne ich die Arten, die wirtschaftliche Ziele in Frage stellen. Beim Luchs ist das so, weil er gelegentlich Nutztiere reißt. Schafe, Ziegen und Wild im Gehege. Das ist selten, doch dabei entstehen Schäden für Tierhalter. Außerdem ist der Luchs ein Rehjäger. Er nutzt große Beutetiere, an denen auch wir Menschen Interesse haben. Das erzeugt Konflikte mit Landwirten und Jägern. Die müssen wir bearbeiten. Für diese deshalb unbequeme Art müssen wir viel Akzeptanzarbeit leisten.
Dies scheint Ihnen zu gelingen. Die Wiederansiedlung des Luchs im Harz ist ein Erfolgsprojekt. Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit dabei?
Der Erfolg hängt von vielen Faktoren ab. Grundvoraussetzung ist jedoch die Akzeptanz des Luchs in der Bevölkerung, bei den Landwirten und besonders bei den Jägern. Ein positives Beispiel dafür ist ein Luchsprojekt in Slowenien. Das war eine der ersten und erfolgreichsten Wiederansiedlungen in Europa. Dort trägt die Jägerschaft das Projekt aktiv mit. Die Jäger bemühen sich etwa darum, Auswilderungsgehege in ihren eigenen Revieren zu haben. Als das Projekt 1999 in Niedersachsen politisch entschieden wurde, war ebenfalls klar, dass das nur im Miteinander funktionieren kann. Die Landesjägerschaft war und ist Teil des Projekts. Die Jäger finanzieren und tragen das mit. Diese Partnerschaft existiert seit fast 25 Jahren. Es ist ein Jägerprojekt und das macht den Erfolg aus.

Wie sieht die Mitarbeit der Jägerschaft genau aus?
Der Verband ist als Träger involviert. Zu Beginn gab es lange eine Arbeitsgruppe, in der wichtige Schritte diskutiert und entschieden wurden. Wir haben in den lokalen Jägerschaften Luchsbeauftragte. Diese unterstützen das Monitoring, liefern also Daten über Luchsnachweise.
Wie groß ist die Rolle der Jäger im Monitoring?
Riesig. Jäger haben eine sehr große Flächenpräsenz und sind zu den richtigen Zeiten da, wo der Luchs zu erwarten ist. Wir bekommen regelmäßig Fotos oder Bilder von Wildkameras, auf denen neben anderem Wild auch mal der Luchs auftaucht.
Woher kommt dieser Enthusiasmus der Jäger im Harz?
Bei den Gesprächen vor Projektstart war ich selbst noch nicht dabei. Seitdem ist es aber eine Sache der Basisarbeit: Wir Projektmanager sind regelmäßig in den Jägerschaften präsent und berichten, die Jäger bringen ihre Erfahrungen ein. Der stetige Austausch stellt Augenhöhe her. Außerdem sind wir auf der wissenschaftlichen Seite des Projekts auch alle Jäger. Man spricht also die gleiche Sprache.
Trotzdem bleibt das Tier offensichtlich unbequem. Ich habe selbst schon kontroverse Diskussionen mit Jägern über den Luchs und große Raubtiere im Harz erlebt.
Einige Probleme werden wir nicht lösen können. Der Luchs frisst Rehe und davon werden es nicht mehr. Wir bemühen uns, dafür Toleranz zu erzeugen. Insgesamt hat der Luchs keinen großen Einfluss auf die Bestände. Lokal manchmal aber doch: Befindet sich beispielsweise eine Luchsin im Revier eines Jagdpächters und bekommt Junge, bewegen sie sich die ersten Wochen in einem kleinen Radius. Die Luchsin hat einen großen Erfolgsdruck und wird viele Risse machen. Ein Jäger bekommt dann weniger Rehe zu Gesicht und hat weniger Jagderfolg. Das liegt daran, dass der Luchs Tiere reißt und gleichzeitig aber auch das Verhalten überlebender Tiere verändert.
Und das führt dann zu Problemen für die Jägerschaft?
Man muss die zugrundeliegenden Probleme sehen. Es existiert in Deutschland ein grundsätzlicher Wald-Wild-Konflikt, und das schon lange. Wir haben einen großen wirtschaftlichen Anspruch an den Wald und verschiedene Interessen. Die Wirtschaftenden im Wald – die Förster – wollen einen niedrigen Wildbestand, damit die Bäume nicht zerbissen werden. Ein zahlender Jagdpächter dagegen möchte Erlebnisse, Beobachtungen und Wild erlegen. Das ist gelegentlich konträr und der Luchs kann dann als zusätzliche Belastung empfunden werden.
Für jeden Riss, den ein Jäger in seinem Revier meldet, kann er im Harz 50 Euro bekommen. Wird sich da Akzeptanz beim Jäger erkauft?
Um das einzuordnen: Es erlegt ein Wildtier ein Wildtier. Das wird häufig falsch verstanden, aber es kann keine Entschädigung für ein gerissenes herrenloses Reh geben. Da entsteht kein Schaden im rechtlichen Sinne. Das ist ein Betrag den wir auszahlen um die Meldung des Risses zu belohnen. Als Anreiz, damit wir diese Funde für unser Monitoring nutzen können und um mit den Leuten vor Ort ins Gespräch zu kommen. Das schafft Vertrauen.
Der deutsche Jagdverband fordert auch eine Beteiligung an der Bewertung der Monitoring-Ergebnisse. Wie setzen Sie das um?
Unser Instrument dafür ist das immer im Mai stattfindende Luchsgespräch. Da kommen Vertreter aus den lokalen Jägerschaften, aber auch aus den Verbandsspitzen dreier Bundesländer zusammen. Wir stellen die Ergebnisse des Jahres vor, und diskutieren diese dann. Wir bekommen Rückmeldungen und tauschen Einschätzungen aus. Das ist manchmal kontrovers aber letzten Endes immer konstruktiv.
Wieso kontrovers?
Wir hatten beispielsweise oft Diskussionen darüber, wie man die Anzahl der Luchse am besten schätzen kann. Das ist schwierig bei einer Art mit so wenigen Individuen auf so großer Fläche. Dafür nutzen wir Fotofallenbildern und versuchen die Individuen anhand der Fleckenmuster zu unterscheiden. Wir setzen Fang-Wiederfang-Modelle zur statistischen Auswertung ein. Die Ergebnisse unterscheiden sich manchmal von der gefühlten, empfundenen Wahrheit, wie viele Luchse auf der Fläche vorkommen.
Dabei wird das Monitoring, die Überwachung der Population im Harz, ja sehr intensiv betrieben.
Ich glaube auch, dass unsere Zahlen relativ valide sind. Trotzdem ist klar, dass da Unsicherheiten drinstecken. Das ist einfach in der Methodik begründet. Die Tiere werden sich nicht in einer Reihe aufstellen, damit man durchzählen kann. Man nähert sich immer bestmöglich einer Wahrheit an.
Es kann aber auch mit Landwirten ein Interessenskonflikt entstehen?
Da haben wir kein großes Problem. Die Anzahl der gerissenen Nutztierrisse ist schlicht sehr überschaubar. In Niedersachen mussten jährlich selten mehr als 4000 Euro Kompensation gezahlt werden. In keinem Jahr hatten wir mehr als 20 Risse. Trotzdem: Wenn ein Landwirt betroffen ist, muss man Lösungsvorschläge anbieten. Wichtig ist, dass der einzelne Tierhalter schnell und unbürokratisch entschädigt wird.
Es geht bei Ihrer Arbeit aber nicht nur um die Luchse im Harz – die Luchspopulationen in ganz Europa müssen genetisch vernetzt werden, damit sie sich langfristig selbst erhalten können. Kooperieren Sie mit anderen Nationalparks?
Wir haben momentan eine historische Situation. Es finden in Deutschland drei Wiederansiedlungen statt: im Schwarzwald, im Thüringer Wald und im Erzgebirge. Wenn die alle erfolgreich wären, hätten wir viel geschafft. Dann wären die Wege zwischen den Populationen schon deutlich kürzer und Austausch möglich. Aber da sind wir noch nicht. Da gibt es die nächsten zehn Jahre noch viel zu tun, auch auf europäischer Ebene.
Passiert der Austausch immer natürlich? Können Individuen nicht auch vom Menschen zwischen Populationen ausgetauscht werden?
Translokation ist ein wichtiges Element. Wegen der Inzuchtprobleme haben wir nicht mehr die Zeit, darauf zu warten, dass sich Populationen ganz von selbst vernetzen. Im Schaffen von Korridoren sind wir leider zu inkonsequent. Wenn wir auf der einen Seite Vernetzung durch Grünbrücken schaffen, bauen wir auf der anderen Seite neue Hindernisse. Das ist in unserer intensiv genutzten Landschaft ein unglaublich langwieriger Prozess. Deshalb finde ich den aktiven Austausch von einzelnen Luchsen sehr charmant. In den größeren europäischen Luchspopulationen gibt es fast in jedem Jahr verwaiste Jungtiere, die eingefangen werden. Diese Tiere sind nach nach pro wieder in die Freiheit zu entlassen und könnten dann zwischen Population ausgetauscht werden.
Das hört sich relativ simpel an. Was ist das Problem?
Es gibt viele bürokratische Hürden. Tiere über Staatsgrenzen hinweg zu transportieren ist schwierig. Es gibt politische Gründe, weshalb Länder kein Interesse daran haben, solche Luchse auf ihrer Fläche zu akzeptieren, oder es ist aus rechtlichen und veterinärmedizinischen Gründen nicht möglich. Jeder Transport muss einzeln organisiert werden und es müssen individuelle Lösungen gefunden werden. Mein Wunsch wäre ein Ringtausch von rehabilitierten Waisentieren. Wir arbeiten daran, dass das Realität wird.