Im „Eckstein“ in Tübingen sollen Wissenschaft und Gesellschaft zusammenkommen. Der Pop-Up-Store schafft bis Ende Juli Möglichkeiten für Jedermann sich in wissenschaftliche Prozesse einzubringen. Die Tür steht immer offen.
Ein großes Glasfenster, eine offene Tür und die beste Lage in der Tübinger Innenstadt. Das CIVIS Open Lab „Eckstein“ des Teams der Exzellenzstrategie der Universität bringt all diese Voraussetzungen mit. Dort soll Wissenschaft in Tübingen sichtbar gemacht werden und jedem die Möglichkeit geboten werden, sich einzubringen und in den wissenschaftlichen Prozess und die Arbeit der Universität zu involvieren. Am vergangenen Montag fand die Eröffnung in der langen Gasse 16 statt und das Experiment startete. Die Universität ist nun Teil der Fußgängerzone. Möglich machte das nur die Zusammenarbeit der Universitätenallianz CIVIS und interner Universitätsinstanzen wie dem Public Engagement Büro und dem Zentrum für Medienkompetenzen, mit externen Partnern wie der Wirtschaftsförderung der Stadt Tübingen, der Bruderhaus Diakonie und dem Zimmertheater.
Wissenschaft gestaltet unsere Gesellschaft und ist die Grundlage für politische und soziale Entscheidungen, die alle angehen. Wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen trotzdem oft hinter verschlossenen Universitätstüren abseits der Öffentlichkeit. Alles wird mit Studien belegt und begründet, doch wie kommen diese zustande? Vertrauen in die Wissenschaft kann nur durch Transparenz und Teilhabe geschaffen werden. „Unser Ziel ist es, die Wissenschaft aus ihrem Elfenbeinturm zu holen“, erklärt Koordinatorin des CIVIS Open Lab Mareike Kardinal mitten in der Tübinger Innenstadt vor dem „Eckstein“. Genau am richtigen Fleck – wenn man Sie fragt – um die Tübinger Stadtgesellschaft anzusprechen und zu involvieren: „Es kamen bereits heute viele Neugierige vorbeigeschlendert und warfen Blicke in den Pop-Up-Store.“ Präsenz schaffe Interesse.
Und das sei die Idee des Open Lab. Es ist eine Plattform für Kurzvorträge, Workshops, Informationsveranstaltungen. Ideen sollen aus der Bevölkerung kommen. Das sei das Wichtigste. Darauf lag auch der Fokus der Eröffnungsveranstaltung. Rund hundert Besucher zwängten sich in den kleinen Raum am Eck, um Tischchen mit Karten, Papier und Stiften: Jederzeit sollte die Möglichkeit bestehen, direkt Vorschläge für das Programm der kommenden Monate zu machen. Jeder Monat stehe unter einem Motto, das zumindest Richtungen vorgebe. Im Mai ist das ‚Demokratie und Europa‘. Im Juni lösen dann ‚Diversität und Vielfalt‘ ab. Der Juli habe die sehr offene Überschrift ‚Zukunft‘. Die bereits geplanten Programmpunkte sind auf der brandneuen Website des ‚Ecksteins‘ einzusehen, http://www.eckstein-tuebingen.de. Darunter Vorträge mit breiter Themenstreuung über die Verbreitung rechten Gedankenguts in der Gesellschaft, Künstliche Intelligenz, personalisierte Medizin und ein Projekt über Human Remains – also historische menschliche Überreste wie Knochen – in Privatsammlungen.
Einer der vielen Partner des ‚Ecksteins‘ ist auch das Zimmertheater Tübingen. „Da werden wir mit kulturellen Bonbons verwöhnt“, beschreibt Kardinal, wie breit die gebotene Plattform genutzt werden soll.
Noch müssen Passanten genau hinschauen, um zu erkennen, was in der Langen Gasse entsteht, doch das soll sich ändern. Wieder auch in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung und gelenkt von Ideen aus der Gesellschaft. So wurde am Montag ein Wettbewerb für passende Slogans für die Fassade des Pop-Up-Stores ausgerufen. Bereits im Rennen: ‚Eckstein, Eckstein alles muss entdeckt sein‘ oder ‚Um die Ecke denken‘.
Der Ansturm zur Eröffnung des „Eckstein“ war größer als angenommen. In einem Onlinequiz sollten die Besucher Erwartungen an das Open Lab formulieren und Themenwünsche äußern. Dass das W-LAN an seine Grenzen kam, freute Kardinal: „Es sind zu viele Leute im Raum. Das ist sehr schön!“ Am Ende entstand in der Umfrageapp doch ein Stimmungsbild. Auf Platz eins wünschten sich die Menschen die Thematisierung gesellschaftlicher Probleme und Lösungsansätzen dafür – dicht gefolg von politik- und rechtswissenschaftlichen Themen.
Zunächst ist das ‚Eckstein‘ in echter Pop-Up-Manier nur bis Ende Juli geöffnet. „Danach werden wir evaluieren“, erklärt Kardinal. Ob es in Zukunft ähnliche Formate wie das ‚Eckstein‘ in Tübingen geben wird, hänge von den kommenden drei Monaten ab. Bisher sei Kardinal aber ausschließlich positiv überrascht. Die Organisation bis zur Eröffnung funktionierte sehr schnell und ohne große Hürden, da alle Beteiligten voll und ganz hinter der Idee des CIVIS Open Lab „Eckstein“ stünden.
Info:
CIVIS ist eine Allianz aus elf Mitglieds-Universitäten in Europa und sechs weiteren Universitäten in Afrika. Nach eigenen Angaben vereint CIVIS eine halbe Million Studenten. Die Idee des Universitätsbunds ist es zu vernetzen und Brücken zu bauen. Außerdem wird die Vernetzung von Gesellschaft und Wissenschaft vorangetrieben. Neben dem „Eckstein“ in Tübingen gibt es noch 11 weitere CIVIS Open Labs.