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Anne Geddes: Jeder Tyrann war mal ein Baby

Im Neuen Kunstmuseum Tübingen eröffnete die Ausstellung „Until Now“ der australischen Fotografin Anne Geddes. Sie fotografiert seit Jahrzehnten Kleinkinder und Babys auf der ganzen Welt.

Am Anfang eines neuen Lebens gleichen sich alle Menschen. Denn: „Neugeborene sind von Natur aus gut.“ Das ist ein Grundsatz für Anne Geddes Arbeit. Ihn gab die Fotografin am vergangenen Freitag bei der Eröffnung der Ausstellung „Until Now“ mit 150 ihrer Werke im Neuen Kunstmuseum Tübingen preis. Ihre Fotos von Babys stellen Zerbrechlichkeit und Unschuld dar und appellieren an die Verantwortung vor Kindern. Sie habe Neugeborenenfotografien aus Russland, der Ukraine, Palästina und Israel gesehen: „Diese Bilder sind so universell wie meine Message.“

Im Neuen Kunstmuseum Tübingen stellt sie nun das erste Mal in ihrer 40-jährigen Karriere ihr Lebenswerk in einem Museum aus und trat am Freitag entsprechend persönlich bewegt auf die Bühne vor die geladenen Gäste. Hier werden ihre Fotografien bis Sonntag, 21. September zu sehen sein. Die Emotionen verliehen Geddes eine brüchige Stimme, doch gerade das erzeugte Effekt Ausdruck und Glaubhaftigkeit.

„Jedes Foto ist ein Statement. Jedes Foto ist ein Pladoyer für Menschlichkeit.“ So beschreibt Schauspielerin und Model Eva Padberg ihren Eindruck der Ausstellung während einer Laudatio auf Geddes Lebenswerk. Neben Padberg zollte auch der Fotografie-Theoretiker und Kunstkritiker Klaus Honnef mit seiner Frau Gabriele Honnef-Harling der Ausstellung persönlich ihren Respekt.

Viele Bilder gehen unter die Haut: Ein Frühchen in den riesenhaft wirkenden Händen eines Mannes. Kleinkinder die unterschiedliche Gliedmaßen an eine Meningokokken-Infektion verloren. Die Bilder stammen alle aus vergangenen Kampagnen während derer sich Geddes für Verbesserung der Umstände einsetzte.

Gleichzeitig kann die Beschäftigung mit Kindern, Schwangerschaft und Müttern gar nicht anders, als auch eine feministische Bedeutung zu haben. „Frauenpower. Insbesondere bei dieser Ausstellung legen wir Wert auf Frauenpower“, sagt Gastgeber und Museumsgründer Bernhard Feil. Kunstvoll präsentiert Geddes Bilder von Föten noch in der Gebärmutter und ungeborenem Leben und stellt diese ganz anderen natürlichen Formen gegenüber: Eine Samenkapsel eines Grases. Eine Pflaume. Blütenblätter. Die australische Fotografin portraitiert schon lange Frauen vor, während und nach der Schwangerschaft. Dabei steht der Körper und seine Veränderung genauso im Vordergrund wie die Beziehung zu dem neuen Leben. Geddes macht ein Wunder greifbar.

Kontrastreich zu den zahlreichen tiefgründigen Fotografien, hängen in der Tübinger Ausstellung auch viele farbenfrohe, kitschigere Bilder. Einige davon sind Geddes bekannteste Werke. Zwei Babys mit Kohlblättern auf dem Kopf schauen sich verständlicherweise verdutzt an. Kinder in Blütenkostümen sitzen vor bunten Hintergründen. Geddes hat wohl schon jedes erdenkliche Gesicht abgelichtet, dass ein Kind ziehen kann. Eine ganze Serie zeigt Babys in intensiv farbigen Unterwasserwelten. Die Kinder sitzen verkleidet als Anemonen, Fische, Schnecken und Seeigel auf schrillen Riffen.

Geddes begann ihre fotografische Karriere 1988 in Neuseeland. Seitdem entwickelt sich ihre Kunst weiter. Sie kreiert Karten, Kalender, sieben Bildbände, eine Autobiografie und konzipierte unzählige Kampagnen. Im Vordergrund stehen meist die Kinder. Seit Ende der Corona-Pandemie reist sie um die Welt, hält Vorträge und nimmt unterschiedliche Aufträge an. Sie transportiert alles, von Schwermut, über Lebensfreude, bis Kitsch. Eines haben die Werke aber gemein: Die vielen Gedanken und die Arbeit, die in den Schaffensprozess fließt.

Und diese steckten auch im Arrangement und der Konzeption der Ausstellung, die schon lange im Plan des Museumsteams um Feil steht. Trotz allem, Feil konzentrierte sein Lob am Eröffnungsabend auf das Werk der Künstlerin: „Die Kraft der Fotos wird die Besucher emotional abholen. Davon bin ich überzeugt.“ Die Werke aus der Ausstellung sind im Kunstmuseum in zwei Editionen erhältlich. Anteile des Erlös gehen an die Organisation „Ein Herz für Kinder“.

Die kindliche Unschuld, eingefangen von Geddes Kameras, wird nun bis Ende September im Neuen Kunstmuseum Tübingen zu betrachten sein. Bei der Künstlerin selbst werfen sie immer neue Fragen auf: „Wenn ich all die Tyrannen unserer Erde sehe, die alle mal Babys waren, frage ich mich oft, was da schiefgelaufen ist“, sagt Geddes. Nun mit fester, klarer Stimme. Ihre Fotografien an den Wänden überall rund um die Künstlerin verleihen zusätzlichen Nachdruck.