In der Eberhardskirche in Tübingen sprachen Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl und der ehemalige Generalsinspekteur Wolfgang Schneiderlein über die 80 Jahre seit dem Kriegsende. Dazu gehörten die Kriege der aktuellen Weltlage.
„Kriege brechen nicht aus. Kriege werden von Menschen gemacht und geplant“, betonte der ehemalige Generalinspekteur der deutschen Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan. Beinahe als predige der Ex-Militär zu den rund 80 Zuhörenden, sprach er am vergangenen Mittwochabend in der Eberhardskirche in der Tübinger Südstadt. Zusammen mit Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl war er eingeladen um über 80 Jahre seit dem Kriegsende in Deutschland und Frieden nach dem Zweiten Weltkrieg zu sprechen. Über den Frieden zu sprechen bedeutete am Mittwoch für beide Redner auch über den Krieg zu sprechen. Über das aktuelle Geschehen in der Ukraine und in Gaza, aber auch über das Erinnern und die Rolle Deutschlands in den beiden Weltkriegen. Für Schneiderhan sei es vor allem wichtig, sich der Zeit vor einem Krieg zu besinnen und zu erkennen, welche Mechanismen die Entwicklung zu einer Auseinandersetzung mit Waffengewalt begleiten. Wichtig sei die Frage: „Wie konnte es so weit kommen?“ Denn, zumindest im Nachhinein, habe es für die meisten Verschärfungen von interstaatlichen Beziehungen und Kriege klare Anzeichen gegeben. Als Moderator verteilte Pfarrer Martin Böger mit gezielten Fragen sehr offene Anreize, um über Themen der Verteidigung, Kriege in der Welt, aber auch die Rolle Deutschlands und die ethische Bedeutung für die Gesellschaft und jeden einzelnen zu sprechen. Er erinnerte an die vielen Errungenschaften des Friedens: Grenzen seien abgebaut worden, und wir durften Jahrzehnte friedlich in Europa leben. „Diese Veranstaltung lassen wir ganz bewusst in einer Kirche stattfinden“, erklärte der Gastgeber des Abends, denn die Kirche sei ein Ort des Friedens. In Erinnerung an die vergangenen Jahrzehnte bekräftigte Landesbischof Gohl zunächst das Gedenken an Friedensstifter wie Otto Umfrid, der sich als Pazifist und Pfarrer der evangelischen Kirche bis zum Ende des Ersten Weltkrieges gegen Waffengewalt und Kriege einsetzte, schrieb und predigte. Spätestens seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine weiche Gohl allerdings in seinen Ansichten von denen Umfrids ab. Unterstützung der Ukraine mit Waffenlieferungen seien seiner Meinung nach nötig. „Ich sage das wohl wissend, dass das mit absolutem Pazifismus nicht vereinbar ist.“ Dafür habe er viel Kritik bekommen, doch „das mit der Kritik am Bischof ist evangelische Tradition“, witzelte Gohl. Seine Einstellung zur Ukraine aber bestärkte er später erneut. Jetzt müsse man Stärke zeigen, denn von manchen werde nichts anderes verstanden. Gemeint war Wladimir Putin und mit Stärke militärische Verteidigungsfähigkeit. „Ich habe mich getäuscht. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass Menschen einander so etwas antun können“, sagte Gohl. Diese falsche Einschätzung gestand Schneiderhan ein: „Ich habe einfach nicht daran geglaubt, dass es in Europa nochmal Krieg gibt“, sagte er und erzählte aus seiner Zeit bei der Bundeswehr und von vergangenen friedlichen Verhandlungen, bei denen auch Russland und Putin mit am Tisch saßen. Zur Bundeswehr sei er ursprünglich gekommen, weil er überzeugt gewesen sei, den „Rückzug aus der Geschichte der Kriege militärisch abzusichern“ sei wichtig. „Sie können sich vorstellen, wie enttäuscht ich heute bin.“ Seine Antwort auf die Lage in Europa ist, ähnlich wie die Gohls, mehr Resilienz als Gesellschaft. In manchen Bereichen habe er Bedenken: „Je mehr wir digitalisieren, desto verwundbarer werden wir.“ Der ehemalige Militär appellierte an die Bürgerschaft: Man dürfe den Staat nicht als Dienstleister verstehen, sondern solle sich aktiv beteiligen. Das gelte auch bei der Wiedereinführung der Wehrpflicht, die 2011 ausgesetzt wurde. Hier seien die jungen Menschen in der Pflicht, betonte Schneiderhan auf eine Nachfrage aus dem Publikum ein zweites Mal. Bischof wie Ex-General war es am Ende wichtig, eine Botschaft der Versöhnung auszusenden. „Versöhnung ist die Grundlage für Frieden“, ist Gohl sich sicher. Jede Waffenruhe sei natürlich positiv, sie könne aber nur anhalten und zum Frieden werden, wenn Versöhnung mit ihr einhergehe. Und dafür dürfe man laut Schneiderhan bestehende Beziehungen nicht abbrechen lassen. Er nannte ein Beispiel aus der Arbeit des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, dessen Präsident er heute ist. Die Organisation habe auch im vergangenen Jahr tausende Skelette gefallener deutscher Soldaten aus den Weltkriegen in Russland identifiziert und beerdigt. Das sei nur möglich gewesen, weil gute Kontakte bestehen blieben. Info Wolfgang Schneiderhan war von 2002 bis 2009 Generalinspekteur der Bundeswehr und ist heute Präsident des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Ernst-Wilhelm Gohl ist evangelischer Pfarrer und seit 2022 Landesbischof der Landeskirche Württemberg.