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Eine Kunstausstellung sucht ein neues Zuhause

Vor dem G91-Gebäude an de B28 fand am Sonntag ein ungewöhnlicher Flohmarkt statt. Künstlerbedarf, Requisiten, Farben und mehr wurde aussortiert und gegen Spenden angeboten. Grund ist die angeordnete Räumung der Ausstellung im Innern der ehemaligen Panzerhalle.

Meterhoch türmen sich Ergebnisse des Schaffens der Künstlergruppe G91 in der alten Panzerhalle an der B28 am Rande Tübingens. Es riecht nach Farbe, nach Holz und nach Staub. Kunstwerke, Werkzeuge, Stellwände, Schaufensterpuppen: Die Halle ist ein Mosaik aus Gesammeltem und Erschaffenem. Alles scheint kunterbunt angeordnet, doch hat alles auch seinen Platz. Linda Li steht stolz in den schmalen Gängen, in den Schluchten zwischen Kunstwerken. Sie hat das alles mit aufgebaut. Am Sonntag, 20. Juli, wurde die Künstlerin 72 Jahre alt. Zu ihrem Geburtstag will sie dieses Jahr keine Geschenke, sondern gibt viele Dinge, die ihr wichtig sind, ab. Vor der Halle, in der die G91-Gruppe in den vergangenen Jahrzehnten ihre Kunst ausstellte, veranstaltet das Team zum Geburtstag Lis einen Flohmarkt mit Stoffen, Farben, Schriftstücken, Requisiten und vielem mehr. Alles, was sich über die Jahre hinter den Kulissen der Kunstausstellung angesammelt hat.

Und deshalb wuselt es am Sonntag auf dem Gelände. Menschen stöbern vor der Halle und drängen sich im Innern in den engen Durchgängen aneinander vorbei. Viele Augen staunen. Hände wühlen in Küsten oder wischen bunte Tücher, die im Wind flattern, aus Gesichtern. Linda Li koordiniert: „Dieses Bild können wir abgeben.“, „Das bleibt Teil der Ausstellung.“, „Das ist das Original, wir haben aber auch Drucke.“

Der Flohmarkt ist der Anfang vom Ende der wilden Ordnung im G91-Gebäude. Die Artikel auf dem Markt vor der Halle stammen aus den Zwischenräumen der Ausstellung. Innen sieht es zwar noch nicht so aus, als wäre hier schon irgendetwas aussortiert worden, doch es soll langsam weitergehen und auch die einzelnen Kunstwerke der Gruppe und ihres Gründers Herbert Röslers werden wohl nach und nach veräußert. Die Werke, momentan noch gesammelt an einem Ort, werden sich so langsam in Tübingen verteilen und die Ausstellung in der Stadt auflösen. Grund dafür ist eine Räumungsklage. In ihrer Geschichte mussten die Mitglieder von G91 häufig umziehen. Jetzt müssen sie schon wieder weichen. Das Problem diesmal: Niemand weiß, wohin. 1200 Quadratmeter können nicht geräumt werden, solange es keine alternative Lagermöglichkeit gibt. „Wir können hier nicht weg“, und: „Wir suchen jemanden, der sich in das alles hier verliebt“, sagt Li. Damit verbunden ist die Traumvorstellung, dass die Ausstellung wie sie ist, umziehen kann.

Seit Anfang 2024 weiß das Kollektiv Bescheid. Der erste Räumungstermin war im September vergangenen Jahres, die Fristverlängerung gewährte ein Durchschnaufen bis Ende März dieses Jahres. Seit dem ist die Angelegenheit allerdings vor Gericht. Die Halle steht genau dort, wo die neue Verbindung von B27 und B28 einmal verlaufen soll. Der offizielle Grund für die Räumung ist allerdings die Einsturzgefahr. Das sei nur ein Vorwand, ist Li sicher. Die Halle wird dem Künstlerkollektiv von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben vermietet. Das Amt argumentiert mit der Untersuchung eines Statikers. Die Gruppe G91 mit einem unabhängigen Gutachten eines weiteren Statikers, das die Künstler selbst in Auftrag gegeben hatten und welches keine Mängel an der Bausubstanz feststellt.

Herbert Rösler verstarb bereits 2006. Nach den Toden und dem Ausscheiden weiterer Mitglieder besteht die Gruppe nun noch aus vier Freunden. „Wir sind fast mehr Hunde als Menschen“, sagt Li und lacht, als sie von den treuen Haustieren der Gruppe erzählt. Das sind zu wenige Hände, die anpacken. Die mithelfen, ein neues Zuhause für Röslers Erbe zu schaffen. Deshalb lassen es Li und ihre Mitstreiter nun die Zukunft auf sich zukommen und hoffen weiterhin erhalten zu können, was Herbert Rösler einst geschaffen hatte, denn Li erinnert sich gern: „Er war eine Bombe von Mensch.“

Info

„Chadasch“ heißt der Kunststil, den Herbert Rösler erfunden und geprägt hat. Der Name bedeutet „neu“ auf Hebräisch. Rösler wurde während und nach des zweiten Weltkrieges von der jüdischen Kultur geprägt. Der ausdrucksstarke Stil entwickelte sich über Jahrzehnte und wurde nach Röslers Tod von der Gruppe G91 weitergeführt und entwickelt. „Chadasch“ umfasst Malerei, Lyrik, Architektur, Mode und weitere Kunstformen.