Der Inklusionssporttag stellt in der Uhlandstraße Angebote für Menschen mit Behinderung vor. Den Verantwortlichen geht es darum, den Inklusionsgedanken zu verbreiten.
Rollstühle flitzen über den Hallenboden in der Uhlandstraße. Basketbälle springen durch die Gegend. Die Sporthallenakustik erzeugt eine laute, aber sportliche und begeisterte Atmosphäre. Mit konzentriertem Gesicht werden Korbleger und Würfe durchgeführt. Erleichtertes Lachen und anfeuernde Rufe von allen Seiten erfüllen das Spielfeld, wenn der Ball im Netz zappelt. Dass alle Beteiligten Spaß haben, sei natürlich zentral beim Inklusionssporttag. Trotzdem, die Aktion verfolge maßgeblich noch ein weiteres Ziel: Angebote in der Gesellschaft bekannt machen und den inklusiven Gedanken in der Bevölkerung festigen.
“Der Tag heute ist eine Show”, sagt Tobias Stäbler, Inklusionsbeauftragter der Stadt Tübingen am Sonntag in der Sporthalle in der Uhlandstraße. Der Sporttag sei ein Aushängeschild, um die Angebote, die es in Tübingen ohnehin für Menschen mit Behinderungen oder psychisch und sozialen Beeinträchtigungen gebe, nach außen zu tragen. Stäbler organisiert den Inklusionssporttag hauptverantwortlich bei der Stadt, zusammen mit Verena Motteler aus dem Fachbereich Schule und Sport. Ihnen steht ein Team aus 40 Helfern zur Seite. „Wir machen das dieses Jahr in Kooperation mit der BG Klinik, der Lebenshilfe und dem Rollstuhlsport und Kulturverein Tübingen“, sagt Stäbler.
Die Zusammenarbeit der Institutionen erwächst aus einem Umbruch. Bisher habe der Hochschulsport der Universität Tübingen den Inklusionssporttag in den Sporteinrichtungen in der Albersstraße veranstaltet. Das sei nicht mehr möglich. Den Tag ausfallen zu lassen, sei keine Option. „Der Inklusionssporttag ist festgeschrieben im Aktionsplan 2022 der Stadt. Er muss alle zwei Jahre stattfinden“, sagt Stäbler. Also nimmt sich die Stadt der Aufgabe an.
Diese werden hoffentlich motiviert von erfolgreichen Athleten und Athletinnen vor Ort. Ein Beispiel ist Johannes Hänle der mit seinem Rennrad den Tag in der Uhlandhalle verbringt. Der Radsportler begann vor rund vier Jahren mit dem Handradfahren. Jetzt fährt er auf einem Niveau mit den besten des Sports. Dieses Jahr qualifizierte er sich für die Weltmeisterschaft im September in Belgien. In seiner Klasse belegte er den fünften Platz: „Das war überraschend. Ich bin ja quasi zusammen mit meinen Vorbildern an den Start gegangen.“ Hänle repräsentiert den Leistungsbereich im Behindertensport: „Ich trainiere mehr als 15 Stunden in der Woche. Das strukturierte Training macht mir Spaß, aber man muss immer die Balance halte.“ Seine Einstellung zum Sport kann andere motivieren.
Trotzdem liegt der Fokus vieler inklusiver Sportangebote auf dem offenen Angebot für alle ohne Bezug zu Leistung und Erfolg. Auch Norbert Jakobi, Vorstand des Rollstuhlsport- und Kulturvereins Tübingen, ist das wichtig: „Wir wollen unsere Angebote publik machen und nach außen zeigen, was möglich ist.“ Der Verein bietet am Sonntag Schnupperkurse im Rollstuhltischtennis, -Boccia, -Basketball, -Bogenschießen und -Rugby an. In drei Hallenbereichen und einem Gymnastikraum wechselt der RSKV sich dabei mit zahlreichen weiteren Angeboten ab. Der TC Dettingen spielt Tennis. Es wird Fußball (Tübingen United) und Blindenfußball (WBRS) angeboten. Verschiedenste Tanzangebote von Hip-Hop bis Zumba oder Yogakurse finden den ganzen Tag mit nur kurzen Pausen statt. Die Devise, die die Angebote vereint: Allen muss es möglich sein, mitzumachen. „Wir sind überzeugt, dass Bewegung essenziell ist, für eine gute Gesundheit. Deshalb muss sie auch jedem zugänglich sein“, sagt Stäbler stolz auf das Programm.
Die gesellschaftliche Relevanz der Inklusion und öffentlichkeitswirksame Aktionen wie dem Sporttag werden während einer Podiumsdiskussion besprochen. Vertreter der mitverantwortlichen Organisationen bekräftigten ihre Standpunkte und berichteten aus der Praxis. Inklusion helfe, „die Vorzeichen zu ändern. Es geht nicht um das Überbieten“, sagt Bürgermeisterin Gundula Schäfer-Vogel. Dafür müsse die Stadt den Rahmen schaffen. Es sei nicht immer ein großer finanzieller Aufwand nötig. Oft helfe Beratung und Aufklärung. Dr. Andreas Badke aus der Abteilung Querschnitt der BG Klinik betonte, wie wichtig es sei, den Gedanken der Inklusion in die Gesellschaft zu tragen. Gerade an Trainer und Übungsleiter: „Es gibt viele Hürden. Die existieren aber meist nur im Kopf.“ Dort müsse angesetzt werden, um die Bereitschaft für inklusive Projekte zu stärken.
Während der Angebote des Inklusionssporttages ist oft nur Zeit für ein kurzes Schnuppern in den jeweiligen Sport. Der Effekt kann aber groß sein: Drei Pfeile hat ein junges Mädchen bei Bogenschießen zur Verfügung, bevor die nächste Person dran kommt. Die sind schnell verschossen. Den Bogen gibt sie trotz allem mit einem breiten Lachen weiter.