Das neue Gebäude des Tübinger Roten Kreuzes in Derendingen wurde am vergangenen Samstag offiziell eröffnet. Es erfüllt die Bedürfnisse von Verwaltung, Seminar und Kursbetrieb und bietet eine angenehme Arbeitsatmosphäre.
Weiße Fassade, hohe Decken, große Fenster und Holztüren: Modern kommt es daher, das neue Gebäude des Roten Kreuzes im Steinlachwasen in Derendingen. Und die Aufmachung verspricht nicht zu viel, denn der Neubau ist ein Niedrigenergie- und Low-Tec-Gebäude und vereint einige architektonische Kniffe, um ressourcenschonend, aber funktional zu sein. Alle Bedürfnisse des laufenden Betriebs beim Rettungsdienst und den Geschäften des Roten Kreuzes seien befriedigt.
„Ich erinnere mich an den Spatenstich bei Schneefall und das Richtfest bei Sonnenschein“, sagte Dr. Lisa Federle, Präsidentin des DRK Tübingen, zur Begrüßung bei der offiziellen Einweihung am vergangenen Samstag. Dieses Bild ist exemplarische für den Bau, der einen Wandel von dunkler Holzvertäfelung und maroden Decken hin zu einem sauberen funktionsfähigen Neubau gemacht habe. 2019 startete die Planung und 2022 ging es los: „Wir haben gerade noch so den Zuschuss für klimafreundliches Bauen bekommen“, erinnert sich Kreisgeschäftsführer Klaus Stock. Damit war die erste Million durch Gelder der KfW-Bank gesichert. Der Rest für den 7,5 Millionen Euro Bau komme aus Rücklagen des DRK, Spenden und der Großteil aus Darlehen.
Die Stadt habe nichts beigetragen, sagte Oberbürgermeister Boris Palmer und freute sich umso mehr, „dass der Wurf gelungen ist.“ Zur Eröffnung versprach er ein gutes Angebot der Stadtwerke für eine Photovoltaikanlage auf dem Dach. Im neuen Gebäude arbeiten nicht nur DRK-Angestellte, von hier präsentiert sich das Rote Kreuz auch nach außen. Über Seminare, aber auch, weil es die Schnittstelle zwischen Haupt- und Ehrenamt in den Sozial- und Pflegediensten sei, betonte SPD-Landrat Hendrik Bednarz: „Das Ehrenamt ist ein großer Schatz in Baden-Württemberg.“
Von einem verglasten Foyer mit Türen auf die Zugangsstraße und in den Innenhof wird das neue Gebäude in zwei Hälften getrennt. Im nördlichen Teil befinden sich drei große Seminarräume, eine Küche im „Bistrostil“ und zum Beispiel Raum für die Ausbildung der momentan 36 Auszubildenden im Rettungsdienst. Der ganze Bauabschnitt sei offen und einladend gestaltet, mit weiteren Zugängen zum Innenhof und der Verbindung zum angrenzenden Gebäude des DRK-Ortsvereins, erklärt Architekt Florian Danner: „Das ist eine öffentliche Einrichtung. Diese Offenheit muss das Gebäude ausstrahlen.“ Gekrönt wird der nördliche Teil von einer Dachterrasse – eine weitere Pausen- und Begegnungsmöglichkeit. Die südliche Seite des Gebäudes beherbergt das neue Gehirn des DRK. Dort befinden sich Bürogebäude der Verwaltung und von dort werden Fahr- und Sozialdienste sowie alle Angebote des Roten Kreuzes koordiniert.
Ein reduziertes Materialkonzept ziehe sich durch den Komplex. Es gebe klare Linien. Vieles sei versteckt hinter Holzabdeckungen, so Stock. Das erzeugt eine aufgeräumte, strukturierte Atmosphäre. An den Decken und Wänden liegt der Beton offen. „Alles, was sonst an Kabeln unter der abgehängten Decke liegt, haben wir in den Boden gepackt“, sagt Co-Architekt Abdulalim Yildiz. Der viele Sichtbeton sei keine reine Designentscheidung, er ermögliche den Einsatz der sogenannten Betonkernaktivierung, erklärt Danner, eine energiesparende Möglichkeit, im Sommer zu kühlen und im Winter zu wärmen. Ein Lüftungssystem brauche es nur in den Seminarräumen.
Der typische Geruch neuer Gebäude, kürzlich verarbeiteten Holzes, Putz und Farbe ist schon verflogen. Die DRK-Belegschaft ist schließlich auch schon im August vergangenen Jahres eingezogen. „Die Mitarbeiter sind zum Großteil sehr zufrieden“, sagt Stock und verlässt für einen Moment die Bauherrenperspektive. Die Raumverteilung sei einfach geschickt und die einzelnen Büros und Räume angenehm lichtdurchflutete. Von den Rollschränken bis zu den Deckenschalldämpfern sei alles durchdacht, „und wird auch ständig angepasst“, sagt Stock. Noch sehe auch für ihn alles oft etwas steril aus, es werde aber immer individueller umgestaltet. Langsam sammeln sich die „Gebrauchsspuren“ an, und das werde sich fortsetzen.
Rund 50 Angestellte der Verwaltung arbeiten in dem neuen Gebäude plus zehn weitere Menschen in der alten Einsatz-Leitstelle, die neu saniert wurde. Doch auch der Rest der 350-köpfigen Belegschaft profitiere von den neuen Räumlichkeiten, dem lichten Innenhof und den Begegnungsmöglichkeiten. Um dem Bedarf gerecht zu werden, sei der Neubau höchst fällig gewesen. Das Personal des DRK habe sich in den vergangenen 20 Jahren vervierfacht, erzählt Stock stolz von seiner Organisation, die dem Rettungs- und Pflegedienst in Tübingen ein Gesicht gibt – jetzt mit neuer Fassade.
Info
Betonkerntechnik (BKT) oder Betonkernaktivierung meint die Nutzung der Betondecken und Wände als Wärmeträger. Ähnlich einer Fußbodenheizung verlaufen Rohre mit warmem Wasser in der Bausubstanz – nur eben in der Decke. Die Technik kann zum Wärmen und Kühlen genutzt werden und ist sehr energieeffizient.