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Frauentheater: Im Alter fängt das Staunen an

Das Frauentheater am LTT Tübingen führte am vergangenen Freitag die Premiere des Stücks „Leben? Leben!“ auf. Rührend erzählte das Ensemble die Geschichte einer alten Frau, die ihre Freiheit lebt.

„Ein Verbot für alte Frauen, auf Bäume zu klettern, gibt es nicht.“ Aus diesem Satz lassen sich bereits einige Lehren des neuen Stücks „Leben? Leben!“ des Tübinger Frauentheaters ableiten. Herzergreifend, nachdenklich und gleichzeitig urkomisch präsentiert die Gruppe am vergangenen Freitag die Premiere im Werkstatt-Saal des Landestheaters.

Louise hat die Chance, ein zweites Leben zu beginnen, und ergreift sie. „Jetzt, wo ihr Mann tot ist, da legt sie richtig los“, erkennen ihre Kolleginnen vom wöchentlichen Kaffeeklatsch. Zum Kaffee taucht sie nämlich nicht mehr auf. Louise erfüllt sich Träume. Sie findet das befreiend und erfüllend. „Schamlos!“, finden es ihre Freundinnen. Zumindest zunächst. Denn während sie ihr hinter halb zugezogenem Vorhang beim Spazieren im Regen zusehen, beim Balancieren auf dem Gehsteig um drei Uhr nachts und beim freudestrahlenden Jubeln auf der Pferderennbahn, da entwickeln sich langsam auch bei den Menschen in Louises Umfeld Gedanken der Freiheit und einem aufrichtigen Umgang miteinander.

Und so stellt die Inszenierung des Tübinger Frauentheaters Stück für Stück, aber sehr zielstrebig heraus, wie das Bekenntnis einer alten Witwe zu sich selbst letztlich eine Bereicherung für eine ganze Reihe von Menschen um sie herum sein kann. Die Frauen stellen auf der Bühne das Bild der „verehrungswürdigen, weißhaarigen Frau“ in Frage. Eine Frau, die ihr Leben als Tochter, Ehefrau und Mutter verbracht hat, drei Töchter aufgezogen hat, die muss schließlich keine Erwartungen mehr erfüllen. Sie muss auch nicht verehrt werden. Sie kann tun und lassen, was ihr gefällt.

Lebensnah werden Konflikte mit ihren Töchtern skizziert. Die sind erwachsen, stehen voll im Leben und verfolgen eigene Pläne. Trotzdem hadern sie damit, wenn ihre Mutter plötzlich nicht mehr als sicherer Hafen herhalten will. Sorgen um Ruf und Gesundheit der Mutter vermischen sich mit materiellen Ansprüchen und Angst um das Erbe. Louise macht unbeirrt weiter. Sie nimmt eine Hypothek auf ihr Haus auf, um ein Kulturzentrum zu finanzieren. Sie verweigert ihrer Tochter zurück nach Hause zu ziehen. Und sie läuft mit extravagantem roten Hut durch die Gegend – was mindestens für genauso viel Aufsehen sorgt. Ganz einfach: Sie gesteht sich Freiheiten zu. Das Frauentheater thematisiert brandaktuelle Fragen: Unsere Gesellschaft altert. Welche Rolle spielen da die Ältesten in Zukunft?

Leicht und glaubwürdig erzählen die Schauspielerinnen ihre Geschichte. Das Ensemble besteht aus Frauen zwischen 56 und 82 Jahren. Ihre Erfahrung bringen sie auf die Bühne. Viele Charaktere und Seitenstränge, die nur das Leben schreiben kann, werden sinnvoll und stimmig miteinander verwoben.

„Leben? Leben!“ ist lehrreich und augenöffnend für alle Generationen. Für Frauen und Männer im Alter, aber genauso für ihre Kinder, die mit dem Altern der Eltern klarkommen müssen. Es geht darum, das Staunen nie zu verlernen. Beim Spazieren von allem begeistert zu sein. Vor allem geht es aber darum, sich Träume zu behalten und nie aufzuhören, Pläne und Ziele zu setzen. Denn auf der Welt gebe es laut dem Werk von Spielleiterin Miriam Rösch zwei Sorten von Menschen: Die, die in allem Wunder erkennen, und die, für die nichts mehr verwunderlich ist.